Commons Sommerschule 2013 - Vom Gestalten eines gemeinschaftlichen Raums

Commons Sommerschule 2013 - Vom Gestalten eines gemeinschaftlichen Raums

Quelle: Burkhardt Kolbmüller.

Ein Erfahrungsbericht von der Commons Sommerschule 2013

 

Samstag

Nach einer Fahrt über die hügeligen Landstraßen Thüringens erreiche ich das Dorf Bechstedt im Landkreis Saalfeld-Rudolstadt. Eine Woche lang wird sich hier eine Gruppe von 25 Personen mit dem Thema Commons beschäftigen. Ich kenne die anderen Teilnehmenden nicht. Auf dem Weg gehen mir Fragen durch den Kopf: Mit wem werde ich die nächsten Tage verbringen? Wo werden wir diese Woche leben? Welches Vorwissen bringen die anderen Teilnehmenden mit? Was ist meine Motivation an der Sommerschule teilzunehmen? Ich suche nach Anknüpfungspunkten für meine eigenen Projekte und bin gespannt auf die tiefergehende Beschäftigung mit dem Thema Commons in Theorie und Praxis. Was bedeutet es, die Sommerschule selbst als ein Commons zu gestalten?Wie lässt sich Commoning in unserer Gruppe in dieser Woche erlebbar machen?

Im Nieselregen baue ich mein Zelt auf der Obstwiese hinter der Scheune auf. Schon bei der Ankunft merke ich, dass der KulturNaturhof kein gewöhnliches Tagungshaus ist. Hier sind wir zu Gast bei einer Familie, die ihr Haus für uns öffnet, die in der Sommerküche für uns kocht, uns in der Scheune und im Garten einen Freiraum ermöglicht, damit wir uns in entspannter Ruhe und Konzentration auf eine Reise in die Welt der Commons begeben können.

Nach einem ersten Kennenlernen hält Silke Helfrich einen Einführungsvortrag, der uns allen einen gemeinsamen Einstieg in das Thema der Sommerschule ermöglicht. Es geht u.a. um den Commons-Begriff, um verschiedene Formen von Einhegungen und um commonsbasierte Peer-Produktion. In der Diskussion werden viele Fragen aufgeworfen, denen wir uns in den folgenden Tagen widmen werden. Eine Woche voller Inspiration und Denkanstöße beginnt.
Die beiden Initiator_innen Brigitte Kratzwald und Silke Helfrich schaffen mit der Commons Sommerschule für 25 Teilnehmer_innen einen Anlass, mit ausreichend Zeit und Raum in die Commons-Thematik einzusteigen und bestimmte Fragestellungen ausführlich zu diskutieren. Mit der Sommerschule soll sich das Commons-Netzwerk erweitern. „Wir wollen eine Verbreitung dieser Idee“, sagt Brigitte Kratzwald.  

Hinter dem Namen „Commons Sommerschule“ steht eine bewusste Entscheidung: „Wir wollen hier ein gemeinsames Lernen und einen kreativen Raum entstehen lassen, der genau so ist, wie wir uns Schule eigentlich vorstellen“, erklärt Silke Helfrich die Idee der Sommerschule. „Tatsächlich wollen wir den Commons-Diskurs aber nicht nur lernen, sondern auch miteinander vorantreiben. Wir reden nicht nur von Commons als politisches Konzept, sondern auch von einer Praxis, dem Commoning. Das Rekonzeptualisieren vieler Lebensbereiche braucht eine einübende Praxis und das Auflösen gewohnter Handlungsmuster. Deshalb probieren wir immer wieder auch neue Dinge miteinander aus. Dafür brauchen wir Zeit und einen Freiraum, der wenn es gut funktioniert, zu einem „Freitraum“ werden kann.“

Die Gruppe stellt sich als sehr heterogen heraus was Alter und Herkunft angeht. Die Teilnehmenden kommen aus allen Teilen Deutschlands, aus der Schweiz, Österreich und aus Luxemburg und bringen ganz unterschiedliche Erfahrungen mit. Manche sind selbst in Commons-Projekten aktiv, z.B. in der solidarischen Landwirtschaft. Andere haben sich theoretisch mit Commons beschäftigt und schreiben ihre Abschlussarbeiten zum Thema. „Wir legen Wert auf eine große Heterogenität innerhalb der Gruppe“, erklärt Silke Helfrich. „Daraus kann eine sehr produktive Differenz entstehen, die dann miteinander verhandelt werden kann. So schaffen wir produktive Grenzräume zwischen Denkwelten und Kulturen, die in diesem geschützten Raum im Miteinander aufgebrochen werden können.“

 

Sonntag

Der Tag fängt mit einer kurzen Morgenrunde an, in der Raum ist, persönliche Anliegen zu äußern. Jeden Morgen und jeden Abend werden wir uns hierfür Zeit nehmen.

Als Einstieg widmen wir uns an diesem ersten Tag den acht Design-Prinzipien von Elinor Ostrom. In Kleingruppen bearbeiten wir die Prinzipien, suchen Beispiele aus unserer eigenen Praxis und bauen auf der geleisteten Vorarbeit der Sommerschule des letzten Jahres auf.

Am Nachmittag hält Daniel Schläppi von der Universität Bern einen Vortrag über den Umgang mit Gemeinbesitz und kollektiven Ressourcen in der Geschichte der Schweiz. Am Beispiel der alten Eidgenossenschaft zeigt er auf, wie sich dort im 17. und 18. Jahrhundert in kooperativer Form „von unten“ ein Verwaltungswesen entwickelte. Das historische Beispiel zeigt, dass Commons keine neue Idee aus der heutigen Zeit sind, sondern dass in der Geschichte der Schweiz ein Staats- und Verwaltungswesen mit Institutionen, Ritualen und einem komplexen System sozialer Verpflichtungen auf einer Commons-Logik basierte. Hieran wird sichtbar, dass Commons auch in einem großen Maßstab möglich sind.

Abends gibt uns unser Gastgeber Burkhardt Kolbmüller eine Dorfführung, die in der hofeigenen Mosterei beginnt. Menschen aus den umliegenden Dörfern können hier Saft aus ihren mitgebrachten Äpfeln pressen. Eine weitere Station der Dorfführung ist das Heizkraftwerk der neugegründeten Bechstedter Energiegenossenschaft. „Für die Sommerschule ist das Eingebettetsein hier vor Ort zentral“, findet Silke Helfrich. „Die Familie hier lebt die Verbundenheit mit dem lokalen Umfeld in sehr authentischer und produktiver Weise. Für diese Commons Sommerschule können wir uns kaum einen schöneren Ort wünschen.“

 

Montag

Heute beschäftigen wir uns damit, wie zeitgemäße Alternativen zu Urheberrecht und Patenten aussehen könnten, die einen freien Zugang ermöglichen und zugleich auch den Künstler_innen, Musiker_innen und Forscher_innen ein Einkommen sichern. Vorträge halten Meik Michalke von der Cultural Commons Collecting Society und Gregor Kaiser von der Kampagne für Saatgut-Souveränität der BUKO-Kampagne gegen Biopiraterie. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, wie Institutionen gestaltet sein müssen, damit Commons dauerhaft erhalten bleiben.

Gregor Kaiser berichtet von der Saatgutkampagne, welche sich gegen Patente auf Saatgut einsetzt und das Ziel verfolgt, dem Verlust von Sorten, der Monopolisierung der Züchtung und der Einschränkung bäuerlicher Rechte entgegenzuwirken. Dazu soll eine neue Institution gegründet werden, welche Saatgut als Gemeingut versteht und die Nutzung mithilfe freier, spezifisch für die Saatgutproblematik entwickelter Lizenzen organisiert.

Meik Michalke von der Cultural Commons Collecting Society (C3S) erzählt uns von dem Vorhaben eine neue, nicht-exklusive Verwertungsgesellschaft für Musikrechte als Alternative zur GEMA zu gründen. Diese soll im Gegensatz zur GEMA auf demokratischer Mitbestimmung und transparenten Tarifstrukturen basieren, den Künstler_innen die Kontrolle über jedes einzelne ihrer Werke gestatten und es ihnen ermöglichen ihre unter nicht-kommerziellen Creative-Commons-Lizenzen veröffentlichten Werke außerhalb traditioneller Schemata verwerten zu lassen. In diesem Sinne versteht die C3S auch das Internet als Chance und nicht als Problem.

In einer Ergänzung zur Frage nach dem nötigen Schutz der Commons stellt Silke Helfrich die Idee des Copyfarleft vor. Dieses basiert auf dem Prinzip, dass nur Commoners und gemeinwohlorientierte Organisationen ein Produkt teilen und weiternutzen dürfen. Gewinnorientierte Institutionen dagegen, die aus freien Lizenzen Profit machen wollen ohne selbst etwas zurückzugeben, dürfen dies nicht und müssen eine Abgabe dafür bezahlen.

Letztlich steht hinter diesen Ansätzen auch der Commons-Gedanke, dass Zugangs- und Nutzungsrechte nicht von Machtpositionen oder der Verfügbarkeit von Geld bestimmt werden sollten, sondern dass die Menschen selbst auf Augenhöhe miteinander ihre Regeln verhandeln.

 

Dienstag

Wir nehmen uns einen Tag Pause von der inhaltlichen Arbeit und wandern über Rottenbach nach Paulinzella. Unsere Wanderung führt über Wald und Wiesen und durch Dörfer. Heute ist Zeit für persönlichen Austausch und Gespräche. Zugleich öffnen wir uns auch für eine Verbindung zur Region. In Rottenbach treffen wir den Bürgermeister der Stadt Königsee-Rottenbach Volker Stein, der uns von einer anstehenden Genossenschaftsgründung berichtet. Am Rottenbacher Bahnhof soll ein Regionalladen entstehen, der ein neuer Treffpunkt im Ort werden soll. Es finden sich sofort Anknüpfungspunkte zum Thema Commons und der Bürgermeister nimmt unsere Ideen dankbar entgegen. Bei dem Genossenschaftsgründungstreffen wenige Tage später sind auch Sommerschulteilnehmer_innen dabei. Brigitte Kratzwald sieht viel Potenzial für Commons-Projekte in der Region: „So wie diese Region sind viele Gebiete im ehemaligen Osten Abwanderungsgebiete. Dadurch entsteht viel Raum, in dem Menschen sich selbst organisieren und etwas Neues machen können.“

 

Mittwoch

Nach dem gestrigen Pausentag setzen wir unsere Reise durch die Welt der Commons heute mit dem Thema „Urban Commons“ und Commons-Netzwerken fort. In Kleingruppen widmen wir uns verschiedenen Fragestellungen, so z.B. Wie sieht die Stadt der Commonisten aus?

Jeden Tag nehmen wir uns für kurze Momente Zeit für unseren Eranos-Dialog. Dieser bietet als „geistiges Freundschaftsmahl“ Raum für individuelle Beiträge aller Art zum Thema Commons. Diese begleiten uns als Texte, Lieder, Spiele oder Improvisationen die ganze Woche über. Ein Beitrag ist die Errichtung eines Schenk-, Tausch- und Leihtisches, auf dem wir im Laufe der Woche mit mitgebrachten Gegenständen eine gemeinsame Fülle schaffen.

Der Eranos-Dialog beginnt mit der Vorstellung eines mitgebrachten Buches, das dem Gedanken- und Ideenaustausch dienen soll und von nun an auf Konferenzen, Seminaren und Kongressen ausliegen wird. Ob das reisende Buch nächstes Jahr wieder seinen Weg nach Bechstedt zur Sommerschule 2014 finden wird?

 

Donnerstag

Der erste Teil der Commons Sommerschule liegt nun hinter uns. Nachdem wir in den letzten Tagen neues Wissen aufgenommen und diskutiert haben, beginnt nun der Open Space. Eine Zeit, die die Teilnehmenden selbst gestalten. Während sich einige Kleingruppen theoretischen Fragestellungen wie z.B. der Bedeutung von Grenzen in den Commons oder einem Diskursvergleich zwischen Postwachstumsökonomie, Solidarischer Ökonomie und Commons widmen, arbeiten andere im Gemüsegarten und beschäftigen sich dabei mit der Verknüpfung von Permakultur mit Commons. Andere wiederum finden sich zusammen, um über Spiritualität als Werte-Raum für Commons zu sprechen. Jede und jeder ist eingeladen, die eignen Fähigkeiten beizutragen. Dies kann je nach Interesse in Kleingruppenarbeit, aber auch in Einzelarbeit geschehen.

Für die Sommschulteilnehmerin Eva steht an diesem Tag die Kraft des Austauschs im Mittelpunkt:

„Als ich hergekommen bin, habe ich mich selbst kaum als Ressource für andere erlebt. Heute habe ich dann unheimlich viel weitergegeben und geteilt. Außerdem habe ich für mich an den notwendigen Kompetenzen für Commoning gearbeitet. Eine Offenheit für gegenseitigen Austausch als Kompetenz für Commoning ist essentiell. Dabei geht es vor allem um zwischenmenschliche Beziehungen, die den Boden bilden, aus dem vieles wachsen kann.“

 

Freitag

Wir beginnen den Tag heute mit einem Earth Forum. Dies ist ein produktiver Weg in kleinen Gruppen zu erarbeiten, wie wir auf der Erde zusammenleben können. Das Earth Forum wurde von der Künstlerin Shelley Sacks als Methode entwickelt, die dazu dient einander innere Bilder von der Welt, von unseren Wünschen für die Welt mitzuteilen und das aktive Zuhören zu üben. Für das Earth Forum verlassen wir den KulturNaturHof und bilden einen Stuhlkreis auf dem Dorfplatz, was verwunderte Blicke bei den vorübergehenden Dorfbewohner_innen hervorruft. Das Eintauchen in die inneren Bilder der anderen lässt die Zeit schnell verstreichen.

Am Nachmittag setzen wir unseren Open Space fort.  Eine Gruppe erstellt eine Mindmap und sammelt Commons-Beispiele unter der Überschrift „Commons für alle Bedürfnisse und Lebensbereiche“. Andere Themen sind heute Stigmergie sowie die Bedeutung von Werten und Prinzipien für Commoning. „Werte können von unterschiedlichen Gruppen, Menschen und Ideologien ganz unterschiedlich besetzt werden“, erklärt die Teilnehmerin Birte. „Wir haben versucht verschiedene Werte für Commoning zu finden und haben dann festgestellt, dass es neben den Werten vielmehr auch um die Prinzipien geht, die unsere Handlungen lenken.“

 

Samstag

Vor einer Woche kamen wir als einander Unbekannte nach Bechstedt. Heute stehen wir alle zusammen als Gruppe in unserem gewohnten Kreis. Unsere Stimmen, unsere Gesichter, unsere Gestiken sind uns vertraut geworden. Wir sind nicht nur für einen inhaltlichen Austausch zusammengekommen, die Commons Sommerschule hat auch Zeit und Raum für ein ganz persönliches Begegnen geboten. Gemeinsam schreiten wir durch den Garten und legen nacheinander unsere aufgemalten nächsten Schritte auf den Boden (hier). Aus unserer Bewegung entsteht ein gemeinsamer Weg. Der Abschied fällt schwer. Doch wissen wir alle: Wir tragen die Ideen dieser Woche in die Welt. Dadurch bleiben wir miteinander verbunden.

Die Ergebnisse der Commons Sommerschule können im Wiki der Sommerschule nachgelesen werden

Eine gemeinschaftliche Dokumentation erfolgt auch auf der Website „Commonopolis“, die die Möglichkeit bietet, erworbenes Wissen zu teilen, Projekte weiter zu verfolgen und sich über die Sommerschule hinaus zu vernetzen.

Für mehr Informationen rund um Commons sei auf die Blogs von Silke Helfrich und Brigitte Kratzwald verwiesen.

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