Was verbirgt sich hinter den Begriffen Commons und Commoning?

Was verbirgt sich hinter den Begriffen Commons und Commoning?

Quelle: Ulrich Velten_pixelio.de.

„Die Tragik der Allmende“, so lautete 1968 ein im Science Magazin veröffentlichter Artikel des Biologen Garrett Hardin. Er stellte die These auf, dass eine Weide übernutzt werde, wenn jeder dort mit unreguliertem Zugang sein Vieh weiden lassen könne. In den Wirtschaftswissenschaften setzte sich in der Folge die Annahme durch, dass Allmenden als „Niemandsland“ unwirtschaftlich seien und eine Übernutzung bei gemeinsamer Ressourcennutzung unvermeidlich sei. Hardin zog daraus die Schlussfolgerung, dass es entweder staatliche Interventionen oder Privatisierungen brauche, um Übernutzungen zu verhindern. Spätestens 2009, als die US-amerikanische Wissenschaftlerin Elinor Ostrom den Wirtschaftsnobelpreis für ihr Lebenswerk, das sie v.a. der Erforschung der Commons widmete, erhielt, geriet dieser Glaubenssatz ins Wanken. Dies trug maßgeblich zur aktuellen Wiederbelebung der Commons-Debatte bei. Ostrom untersuchte, unter welchen Faktoren die gemeinschaftliche und selbstbestimmte Regelung der Zugangs- und Nutzungsbedingungen durch die Nutzergemeinschaft und damit der Erhalt der Ressource gelingt  – jenseits von Markt und Staat.

Will man sich dem Begriff der Commons annähern, stößt man schnell auf Schwierigkeiten bezüglich der eindeutigen Begriffsfindung im Deutschen. Commons wird häufig mit „Allmende“, dem alten deutschen Begriff für die gemeinschaftlich genutzte Dorfweide, übersetzt. Dieser Begriff klingt nach vergangenen Zeiten, doch Commons sind zwar einerseits so alt wie die Menschheit selbst, andererseits aktuell wie das Internet. Zerstreut über die ganze Welt gibt es heute diese Allmenden, teilweise an greifbaren Orten, genauso aber auch durch Menschen, die ein gemeinsames Anliegen, die Ideen, Konzepte und Lebensentwürfe weltweit teilen.

Der Begriff „Commons“ bezeichnet nicht allein eine „Common Pool Resource“ wie die Dorfweide, sondern vor allem ein Beziehungssystem zwischen Menschen, die diese Ressource gemeinsam nutzen. Dieses Beziehungssystem beinhaltet immer auch die selbstbestimmten Regeln und Normen, die sich die Nutzergemeinschaft selbst gibt. Diese können ganz unterschiedlich ausgestaltet sein, weshalb es auch keine festen Regeln oder Patentrezepte für Commons gibt.

Ob eine Ressource zu einem Commons wird, hängt von den jeweils spezifischen politischen Entscheidungen und sozialen Prozessen ab. Saatgut, Wasser, Wissen, Kunst, Boden, öffentliche Räume, Software und viele andere Ressourcen können zu Commons werden. Bei Commons handelt es sich also nicht um eine spezielle Art einer Ressource und sie stellen auch keine spezielle Eigentumsform dar. Vielmehr sind Commons Mechanismen zur Herstellung und Erhaltung von gemeinsam genutzten Ressourcen. Daraus folgt: Commons sind nicht, sie werden gemacht. Commons entstehen erst durch den Willen einer Gruppe, ein Commons durch kollektives Handeln zu pflegen und zu kultivieren. Die Art des Umgangs der Nutzergemeinschaft miteinander in der gemeinsamen Nutzung der Ressource kann als aktiver, sozialer Prozess beschrieben werden. Zu jedem Commons gehört also immer auch eine soziale Praxis, welche als „Commoning“ bezeichnet wird. Insofern setzt sich der Begriff der Commons aus drei Begriffen zusammen: den Commoners, also den beteiligten Menschen, dem Commoning, also dem sozialen Prozess, der die Commoners in Beziehung setzt und verbindet, sowie der Common-Pool Ressource. Diese Ressource besteht immer aus einer physisch-materiellen Basis, wie z.B. einem Weizenfeld, und einem nicht-physischen Bestandteil, z.B. das Wissen um den Anbau, die Züchtung und die Weiterverwendung des Weizens.

Elinor Ostrom untersuchte, unter welchen Rahmenbedingungen gute Chancen bestehen, dass Commoning gelingt und Commons langfristig erhalten bleiben. Sie untersuchte dafür unzählige erfolgreiche und gescheiterte Beispiele weltweit, von der Hochgebirgsalm über Bewässerungssysteme bis zur Küstenfischerei und entwickelte daraus acht Designprinzipien. Zu diesen gehören klare und lokal akzeptierte Grenzen bezüglich der Nutzer_innengemeinschaft und der Ressourcen. Dazu zählt auch, dass Regeln für die Aneignung und Reproduktion einer Ressource den örtlichen und kulturellen Bedingungen entsprechen. Entscheidungen werden von allen Betroffenen gemeinschaftlich gefällt und es wird eine möglichst direkte Kommunikation angestrebt. Es existieren Mechanismen zum Aufbau einer vertrauensvollen Kooperation sowie durchsetzungsstarke Sanktionen im Falle von Regelverletzungen. Weitere erfolgsversprechende Designprinzipien sind direkte Konfliktlösungsmechanismen sowie ein Mindestmaß staatlicher Anerkennung für Problemlösungen „von unten“ und Selbstorganisation. In Bezug auf große Ressourcensysteme sind verschiedene Institutionen auf unterschiedlichen Ebenen nötig, um die Pflege und Erhaltung von Commons zu koordinieren.

Ein Beispiel: Man könnte den Zugang zu sauberem Trinkwasser als Commons organisieren. Niemand müsste sich Flaschenwasser kaufen, wenn es ausreichend frisches Trinkwasser aus dem nächsten Brunnen gäbe. Die Bereitstellung des Brunnenwassers müsste nicht kostenlos sein und würde von der Nutzergemeinschaft organisiert werden. Der Zugang der einzelnen Nutzer_innen zum Trinkwasser wäre bedürfnisorientiert und würde nicht von den jeweiligen finanziellen Möglichkeiten abhängen. Regeln für den Zugang und die Nutzung des Trinkwassers würden von der Nutzergemeinschaft selbst festgelegt werden.

Wäre das Brunnenwasser nicht mehr zugänglich und würde es nur noch Flaschenwasser zu kaufen geben, würde man von einer Einhegung („Enclosure“) sprechen. Dabei werden Menschen von dem getrennt, was sie zum Leben brauchen und was niemandem allein gehören sollte. Das kann im Falle der Allmende der verwehrte Zugang zu Grund und Boden durch die Einzäunung des Landes sein. Genauso betrifft dies aber auch den Zugang zu Energieträgern, öffentlichem Raum, Kultur, Wissen, Saatgut oder Wasser.

Durch Einhegung verliert die Nutzergemeinschaft die Verfügungsgewalt über ihre Ressourcen. Dieser Prozess kann auf unterschiedlichem Wege erfolgen - über Privatisierungen, ökonomische Konzentration oder über den Einsatz von Technologien. Ein Beispiel für technologische Einhegungen, bei denen die Nutzergemeinschaft die Entscheidungs- und Verfügungsgewalt verliert, sind Kopierschutzmechanismen der Musik- und Softwareindustrie, die die unerlaubte Nutzung digitaler Inhalte verhindern. Das Internet bietet zwar unendliche Möglichkeiten Wissen weiterzuentwickeln, zu teilen und zu verbreiten, durch Bezahlschranken oder Kopierschutz wird jedoch versucht das Schöpfen aus der Fülle des Internets zu beschränken.

Ein anderes Beispiel ist die Terminatortechnologie als Maßnahme zur Einschränkung der Nutzung von Saatgut, welches durch die neue Technologie seine Keimfähigkeit verliert, wodurch Landwirte jährlich neues Saatgut von Saatgutkonzernen kaufen müssen und so in eine Abhängigkeit geraten.

Die Beispiele zeigen, wie es zu einer Unternutzung von Ressourcen kommen kann. Während die klassische Allmende Gefahr läuft, übernutzt zu werden, wenn die Zugangs- und Nutzungsregeln nicht greifen, ist die Wissensallmende durch Einhegungsprozesse von Unternutzung bedroht. Zum Schutz von Wissen und Innovation werden diese durch Eigentumsrechte künstlich verknappt, wenngleich sie im Gegensatz zu materiell knappen Ressourcen wie Land oder Wasser nicht übernutzt werden können.

In Commons-Projekten überall auf der Welt nehmen Menschen ihre Angelegenheiten selbst in die Hand. In Zeiten der Wirtschafts- und Finanzkrise, in Zeiten von Klimawandel und Peak Oil, wird der Wille des Staates eine bessere Regulierung oder Verteilung durchzusetzen grundsätzlich in Frage gestellt. Weltweit organisieren sich Menschen heute in ihrem Lebensumfeld selbst. Sie versorgen sich mit Lebensmitteln im Rahmen von solidarischer Landwirtschaft, entwickeln freie Software oder leben in selbstverwalteten Wohnprojekten. Überall auf der Welt schaffen und pflegen Menschen Commons und lassen diese gemeinschaftlich wachsen. Das macht Hoffnung.

 

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