Neuer Wohlfahrtsindex für Thüringen: Weg vom Bruttoinlandsprodukt!

Neuer Wohlfahrtsindex für Thüringen: Weg vom Bruttoinlandsprodukt!

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Auf der von der Heinrich-Böll-Stiftung veranstalteten Tagung „Wachstum ohne Ende – Woran wir Wirtschaft und Wohlstand künftig messen“ wurde ein neuer Regionaler Wohlfahrtsindex für Thüringen vorgestellt.

Mehr Wirtschaftswachstum führt zu mehr Arbeitsplätzen und zu mehr Wohlstand! So lässt sich wohl die grundlegende Arbeitsformel vieler Politiker zusammenfassen. Damit ist ein hohes Wirtschaftswachstum zu einer Art Leistungsnachweis von Politikern geworden. Doch wie lässt sich dieses so wesentliche Wirtschaftswachstum überhaupt messen? Die meisten Politiker nutzen dafür die jährlichen Steigerungen des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Dabei steht das Bruttoinlandsprodukt als Indikator für die Entwicklung einer Gesellschaft immer stärker in der Kritik.
Die Nachteile des Bruttoinlandsprodukts lassen sich an der diesjährigen Flutkatastrophe verdeutlichen: Die katastrophale Lage in Thüringen und Bayern führte zu einem Anstieg des BIP, da mehr Waren und Dienstleistungen zur Reparatur der enstandenen Schäden nachgefragt wurden. Auf die gleiche Weise erhöhen beispielsweise auch Verkehrsunfälle das BIP. Daher stellt sich die Frage, ob eine Gesellschaft wirklich eine solche Form des Wachstums anstreben sollte. Zusätzlich zu dieser Blindheit gegenüber den Ursachen des Wachstums berücksichtigt das BIP auch nur bestimmte Formen der Arbeit (nur Erwerbsarbeit, keine Haus oder Erziehungsarbeit) und vernachlässigt die Kosten, die durch die Ausbeutung (vermeintlich kostenloser) natürlicher Ressourcen entstehen. Naturkapital und Sozialkapital werden in diesem Modell eher, wie es der französische Ökonom Paul Viveret ausdrückt, als „Geschenkströme“ verstanden. 
Diese Kritik am BIP ist mittlerweile auch in der Politik angekommen. Im Jahr 2010 setzte der Bundestag eine Enquete-Kommission ein, die sich mit neuen Modellen der Wohlfahrtsmessung beschäftigte. Die Kommission entwickelte mehrere Einzelindikatoren – ohne allerdings einen, dem BIP vergleichbaren Gesamtindex vorzulegen. Leider einigte sich die Kommission am Ende nicht auf ein einheitliches Modell. Neben einer Matrix mit neun neuen Indikatoren legten die Linkspartei und die Grünen in einem Sondervotum jeweils eine eigene Indikatoren-Matrix vor.
Neben der Idee, das BIP durch mehrere Indikatoren zu ersetzen, wurde von der UN bereits in den 80er Jahren ein anderes Maß zur Messung des gesellschaftlichen Wohlstandes vorgeschlagen: Der Human Development Index (HDI). Dieser Index setzt  sich aus verschiedenen gewichteten Faktoren zusammen, wie beispielsweise den Ausgaben für Gesundheit, der Alphabetisierungsrate und der Lebenserwartung. Dieses Modell ist jedoch heutzutage für Staaten mit einem ausgebauten Wohlfahrtssystem nicht mehr sehr sensibel: In den westlichen Ländern stagniert der Index seit mehreren Jahren auf hohem Niveau. Der Index eignet sich daher eher für die Messung von Veränderungen in Entwicklungsländern.
Einen anderen Index stellten Prof. Hans Diefenbacher und Dorothee Rodenhäuser von der Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft (FEST) auf der Tagung „Wachstum ohne Ende“ vor. Der nationale Wohlfahrtsindex (NWI) ist im Gegensatz zum HDI ein Summenscore, bei dem zunächst alle einfließenden Faktoren in Euro monetarisiert werden. Als Basisgröße wurde der Konsum der Bevölkerung genommen, der auch im BIP enthalten ist. Beim NWI wird der Konsum jedoch zusätzlich nach der Einkommensverteilung gewichtet. Außerdem werden wohlfahrtsstiftende Komponenten hinzugerechnet, wie Haus- oder Erziehungsarbeit, und wohlfahrtsmindernde Komponenten aus dem sozialen und ökologischen Bereich abgezogen, wie beispielsweise Verkehrsunfälle und Kriminalität.
In einem Gutachten, das von der Thüringer Landtagsfraktion der Grünen in Auftrag gegeben worden war, wurde dieser Nationale Wohlfahrtsindex an die Thüringer Datenlage angepasst und ein Regionaler Wohlfahrtsindex für Thüringen (RWI Thüringen) berechnet. Einen ähnlichen regionalen Index hatte die Forschungsstätte bereits für Schleswig-Holstein und Bayern entwickelt. Während das BIP im Zeitraum von 1999 bis 2010 für Thüringen stieg, sank der für Thüringen berechnete RWI um etwa 15 Prozent. Der Hauptgrund für diesen Verlust an regionaler Wohlfahrt, so erklärte Diefenbacher, seien die sinkenden Bevölkerungszahlen Thüringens. In gleichem Maße sanken auch die Konsumausgaben der Bevölkerung, die ja die Basisgröße des RWI darstellen.
Das war einer der wesentlichen Kritikpunkte, die Ulrich Witt, Professor am Max-Planck-Institut für Ökonomik in Jena, in seinem Kommentar zum Regionalen Wohlfahrtsindex für Thüringen vortrug. In seiner jetzigen Form messe der Index nicht einen Wohlfahrtsverlust, sondern einfach nur einen Bevölkerungsverlust. Problematisch sei auch, dass es sich um einen Summenscore handele. Größerer Konsum der Bevölkerung könne so beispielsweise die negativen Wirkungen von Umweltschäden ausgleichen. Außerdem basiere der neue Index, so betonte Witt, – dem BIP ganz ähnlich – zu einem sehr hohen Prozentsatz auf den Konsumausgaben der Bevölkerung. Gleichzeitig vernachlässige er allerdings – im Gegensatz zum BIP – die öffentlichen Investitionsausgaben. Gerade jedoch Investitionen beispielsweise in die Infrastruktur seien für die Bevölkerung oftmals ein wichtiger Indikator für ihre Wahrnehmung von Wohlstand.
In der Podiumsdiskussion stimmte insbesondere Dr. Stefan Jakobs, Geschäftsführer eines regionalen Technologieunternehmens, diesem Argument zu. Es widerspreche der allgemeinen Wahrnehmung der thüringischen Entwicklung, wenn man von einem Wohlfahrtsverlust in den letzten fünfzehn Jahren spreche. Er ergänzte: „Gerade für die Akzeptanz in der Bevölkerung ist aber eine Plausibilität des Index sehr wichtig.“ Als Grundlage für politisches Handeln erscheine ihm der Index noch nicht sicher genug.
Gerade in der Politik ist jedoch ein solcher Index sehr wichtig, betont Anja Siegesmund, Fraktionsvorsitzende der Grünen im Thüringer Landtag: „In der Politik muss man sich Hilfsmittel besorgen, um eine Debatte voranzubringen.“ Sie sei froh über jede Richtschnur, die sie präsentieren könne. Für sie ist der RWI „mit allen Ecken und Kanten ein Hilfmittel, das verdeutlichen soll, dass man bestimmte Entwicklungen nicht akzeptieren muss.“ In der politischen Diskussion stehe immer die Frage im Hintergrund: „Konzentrieren wir uns auf das Richtige?“ Wenn wir Wohlstand wollen, welche Art wollen wir: Wollen wir Wohlstand, der wie bisher anhand des Wachstums des BIP gemessen wird oder Wohlstand, der anhand eines vielschichtigeren Maßes gemessen wird?
Die Entwicklung alternativer Methoden zur Messung der Wohlfahrt habe erst begonnen, betonte auch Klaus Dörre, Professor für Soziologie an der Universität Jena: „Der RWI kann nur ein erster Aufschlag sein, um die Debatte anzustoßen.“ Dafür brauche man Instrumente, die in der Lage sind, trotz ihrer gegenwärtigen Schwächen die Debatte zu versachlichen. Wenn man in der Politik auf eine Steuerung der gesellschaftlichen Entwicklung nicht verzichten wolle, dann müsse man eben solche Indikatoren entwickeln.
Wenn ein solcher Index allerdings auch eine politische Wirkung haben solle, wandte Thomas Sauer ein, Professor an der Ernst-Abbe-Hochschule in Jena, dann müsste eine Nicht-Einhaltung mit Sanktionen versehen werden. Länder, in denen der RWI sinke, müssten sanktioniert werden können. Allerdings müsse zugleich auch in der Öffentlichkeit eine Debatte über die Werturteile geführt werden, die diesen Indizes zugrunde liegen. Denn jede Zusammenstellung eines solchen Wohlfahrtsindex aus mehreren Einzel-Indikatoren basiere letztendlich auf Werturteilen. Diese müsse man in der Öffentlichkeit transparent machen.
Gerade diese Debatte forderte Ulrich Witt vehement ein – jedoch unabhängig von jeglichen Indizes: „Warum verstecken wir unsere Werturteile hinter Indizes?“ In seinen Augen seien solche Indizes für die Transparenz des politischen Entscheidungsprozesses nicht gut. Witt will direkt über die Werturteile reden: „Wieviel Umwelt ist uns Umwelt wert?“ Statt über diese Einzelfragen zu diskutieren, mühe man sich jedoch mit Diskussionen über die Konstruktionsprobleme und Gewichtungen solcher Sammel-Indizes ab.
Für Sauer hingegen ist es gerade der Verdienst von Indizes, dass sie ein Gesambild über den Zustand einer Gesellschaft liefern. Das könne man mit einzelnen Indikatoren gar nicht leisten. Auch Siegesmund sprach sich für das Gesamtbild des RWI aus. Man müsse weg von den polaren Vorstellungen eines „Entweder-Oder“: „Wir sollten nicht das eine tun und das andere lassen.“ Man könne den regionalen Wohlfahrtsindex weiterentwickeln und gleichzeitig in der Öffentlichkeit über die zugrunde liegenden Werturteile diskutieren.
Auch der Entwickler des RWI, Hans Diefenbacher plädierte für ein „Sowohl als auch“. Er erinnerte an das Bonmot eines Kollegen: „Oftmals dauert es von der Erkenntnis eines Problems bereits 20 Jahre, bis es überhaupt statistisch erfasst werden kann.“ So lange sollte es bei der alternativen Erfassung des gesellschaftlichen Wohlstands nicht dauern.

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