Zurück zur europäischen Idee? - Die "Viva Europa"-Filmreihe

Zurück zur europäischen Idee? - Die "Viva Europa"-Filmreihe

Quelle: Eigenes Foto –

Zum Abschluss der Filmreihe „Viva Europa!“ zeigte die Heinrich-Böll-Stiftung gemeinsam mit den Jungen Europäischen Föderalisten Jena den Film „Der Europa-Komplex“. Ein Film, der an die verschiedenen Visionen von Europa erinnert, ohne aber deren Umsetzung im gegenwärtigen Europa zu beleuchten. 

Was ist die EU? Ein bürokratisches Monster! Ein sich stetig ausdehnender Staatenbund ohne einigende Idee! Eine Währungsunion ohne wirtschaftliche Harmonisierung! Ein undemokratischer lobbybestimmter Weg um Gesetze an den nationalen Parlamenten vorbeizuschleusen! Ein auf Einstimmigkeit setzender, behäbiger Entscheidungskoloss!

All diese Sichtweisen auf die EU gibt es seit vielen Jahren. Die Filmemacher David Späth und Lukas Schmid wollten dieser Kritik noch einmal die europäische Idee entgegenstellen. Mitten auf dem ersten Höhepunkt der Griechenland-Krise im Jahr 2010 haben sie mit dem „Europa-Komplex“ einen erstaunlich positiven Film über Europa gedreht. Die Heinrich-Böll-Stiftung hat den Film nun vier Jahre nach seiner Entstehung – gemeinsam mit den Jungen Europäischen Föderalisten – in ihrer Filmreihe „Viva Europa“ gezeigt. Für den Film haben die jungen Filmemacher zehn Personen interviewt und gefilmt, die eine Vision von Europa haben, wie es der Regisseur David Späth im Gespräch nach dem Film betont. Sie stehen für verschiedene Sichtweisen auf die EU: Die politische, die unternehmerische und die alltagsweltliche. 
Für die meisten Bürger steht die alltagsweltliche Bedeutung der EU im Vordergrund. Es ist das, was der Philosoph Timothy Garton Ash im Film das „Easyjet-Europa“ nennt: die Reisefreiheit über ganz Europa hinweg und das Bezahlen mit einer einheitlichen Währung. Dieses Europa erleben die Menschen tagtäglich, es sei für viele Menschen daher zu selbstverständlich geworden. In Ashs Augen ist „Europa ein Opfer seines eigenen Erfolgs“. Die Menschen erkennen die Bedeutung und Wichtigkeit der EU nicht mehr. Sie sind nicht mehr geprägt von dem ursprünglichen Begründungsmuster zur Schaffung der EU, der Verhinderung von Krieg und Diktatur. 
Dabei sei dies auch heute noch einer der wesentlichen Gründe für das Bestehen der EU, erklärt der ehemalige Premierminister von Luxemburg, Jean-Claude Juncker, im Film: „Man muss Europa organisieren, damit die Leute sich nicht den Kopf einschlagen.“ Dass diese Koordination der Interessen oftmals nicht spannend sei, lasse sich nicht verhindern. Der damalige Präsident des Europäischen Parlaments, Jerzy Buzek, fasst dies in dem englischen Wortspiel zusammen: „It’s better to be boring, than to be war-ing.“
Dass die EU zu langweilig sei, ist ein Kritikpunkt, gegen den viele Protagonisten die EU im Film verteidigen, ohne dass diese Kritik jemals explizit ausgeführt wird. Andere solche unausgesprochenen Punkte der Verteidigung betreffen die Komplexität und die Langsamkeit der EU. Die junge Französin Lucile, die im französischen Außenministerium für die Darstellung der EU verantwortlich ist, erklärt, dass die EU zu kompliziert sei und daher in den Medien nicht adäquat dargestellt werden könne. Deshalb müsse man keine Propaganda für die EU machen, aber doch besser erklären, wie sie funktioniert. Die Menschen hätten oft den Eindruck, dass die Staatengemeinschaft langsam sei. Gerade diese Langsamkeit sei aber der Schlüssel für Europa: „Wir sind 27, wir müssen langsam sein.“ Auch Jean-Claude Juncker hat sich als Politiker an diese Langsamkeit angepasst: „Wenn man weiß, dass man einen Langstreckenlauf absolviert, kann man sich darauf einstellen und seine Kräfte besser einteilen.“ Die Kritik an der EU, dass ihr Einstimmigkeitsprinzip auch regelmäßig durch Einzelinteressen von Staaten ausgehebelt werden kann und somit oftmals nur eine Politik des kleinsten gemeinsamen Nenners ermöglicht, wird im Film nicht erwähnt. Juncker sagt stattdessen passenderweise: „Europa ist eine der Unternehmungen, die nie fertig werden.“
Aus der unternehmerischen Perspektive werde die EU vielfach als zu bürokratisch gesehen. Viele Unternehmer hätten Angst vor Brüssel, erklärt der damalige Vorstandsvorsitzende von Villeroy & Boch, Wendelin von Boch. Sie dächten, dass diese Bürokraten zu weit weg von ihren Bedürfnissen seien. Dabei ermöglicht doch gerade die von der EU eingeführte Zollfreiheit im Zusammenspiel mit der Währungsunion einen uneingeschränkten und großen europäischen Binnenmarkt. Das verdeutlicht die dänische Modedesignerin, Kamilla Byriel, am Handel mit dem Nicht-EU-Mitglied Norwegen. Ihr Geschäft wäre niemals in dieser Form möglich gewesen, wenn aller Handel mit Norwegen stattgefunden hätte. 
Ironischerweise kritisiert der ehemalige Staatspräsident der Tschechoslowakei, Vaclav Havel, in einer der wenigen offen kritischen Aussagen des Films gerade diesen Vorteil für die Unternehmen und die Kunden: Er habe das Gefühl, dass Europa immer mehr zu einem Raum des Konsums und des Materialismus werde. Er wünsche sich stattdessen, dass Europa für einen Raum der Werte stünde. Der Philosoph Timothy Garton Ash spricht im Film auch davon, dass Europa durch eine Idee, die Idee der Freiheit, vereint sei. Die große Vision der europäischen Zukunft müsse auf dieser Idee aufbauen. Dass diese Idee der Freiheit an den Grenzen Europas endet und für die Menschen, die aus ärmeren Regionen nach Europa wollen, nur als unerreichbare Vision erscheint, erwähnt Ash dabei nicht. 
Dass im Film „Der Europa-Komplex“ keine Kritiker der europäischen Entwicklungen zu Wort kommen, sei Absicht, erklärt der Regisseur David Späth im Gespräch nach dem Film. Der Film sollte auf Wunsch der Produzentin Barbara Wackernagel-Jacobs, ehemals Familienministerin im Saarland, ausdrücklich ein positiver Film über Europa sein – es gebe schließlich schon genug kritische Filme über Europa. Deshalb konzentrierten sich die Filmemacher bei der Umsetzung auch nur auf die europäische Idee und nicht auf deren praktische Umsetzung. „Das muss dann ein anderer Film leisten“, erklärt Späth. Ausgewogene Filme finde er zudem langweilig, besser seien Filme, die sich bewusst auf eine Seite stellen. Dann könnten die Menschen ihre Positionen in Auseinandersetzung mit dem Film entwickeln.  
Eine Auseinandersetzung um ihren Film gab es jedoch bisher nur selten, gibt Späth zu. Er erklärt das damit, „dass Menschen, die sich unseren Film anschauen, meist schon positiv vorgeprägt sind“. Wie zum großen Teil auch das Publikum in Jena. Kritische Fragen zum Film werden kaum gestellt. Lediglich ein Zuschauer verweist auf den Film „Abendland“, der ebenfalls in der Serie der Böll-Stiftung „Viva Europa“ gezeigt wurde. In dem Film wird eindringlich vorgeführt, wie sich die „Festung Europa“ gegen Eindringlinge an ihren Grenzen wehrt. In Kontrast dazu stehen Szenen aus dem innereuropäischen Alltag, die voll menschlicher Wärme und Hilfsbereitschaft sind. Der Film Abendland zeigt, dass all dies erstaunlicherweise nebeneinander existiert. Und vielleicht ist es auch das, was der „Europa-Komplex“ letzten Endes leisten kann. Er zeigt das Nebeneinander in der Krise: Es gibt weiterhin Menschen, die trotz all der europäischen Krisen noch fest an Europa und an die europäische Idee glauben!

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