Fotografie zaubert

Fotografie zaubert

Teilnehmende des Workshops führen die Gäste in der Stadtbibliothek durch ihre Ausstellung.. Urheber/in: Sylwia Mierzynska. All rights reserved.
Fotografie bringt Menschen zusammen

Was würde entstehen, wenn man Neu- und Alterfurter, Flüchtlinge und Deutsche, in einem Fotoworkshop zusammenführt und sie die Stadt mit dem Blick durch die Kamera erkunden lässt? Das müsste man ausprobieren! Einmal gedacht, wurde der Plan der Heinrich-Böll-Stiftung Thüringen e.V. umgesetzt und so fand ein erstes Treffen von Interessierten im Oktober letzten Jahres statt. „Zusammen in Erfurt“ wurde zum Titel des Workshops, an dem sechzehn Menschen aus sieben Nationen teilnahmen, unter anderem aus Syrien, Afghanistan, Libyen und Russland.

Das Ergebnis ist nun in den Treppenfluren der Stadtbibliothek Erfurt zu sehen. Am 3. März fand die Vernissage statt und lockte so viele Besucher, alte und neue ErfurterInnen, dass der Tagungsraum der Stadtbibliothek gut gefüllt war. Dr. Eberhard Kusber, der Direktor der Stadtbibliothek, der seine Gäste auf Arabisch begrüßte und damit viel Applaus und „Oh“-Rufe erntete, sagte: „Meine Mitarbeiter und ich waren sehr beeindruckt von den Fotos.“ Und nicht nur sie, denn er meinte weiter: „Die Fotos hängen seit etwa zwei bis drei Tagen und ich gehe täglich mehrmals die Treppen hinunter und wieder hinauf und habe viele Menschen beobachtet, die die Fotos sehr interessiert betrachtet haben. Das zeigt mir, dass es eine gute Idee war, diese Bilder zu machen.“

Doch das sichtbare Ergebnis ist - so beeindruckend die Bilder auch sind - nur die Spitze des Eisbergs. Darunter liegen viele Stunden gemeinsamen Schaffens und Kennenlernens über Sprachgrenzen hinweg. So betonte Liska Titze von der Heinrich-Böll-Stiftung, dass dieses Projekt ein Ort für Begegnung sei. Und die Kunstfotografin Sylwia Mierzynska, die den Workshop leitete, betonte: „Das beste Bild ist für mich heute eure lächelnden Gesichter. Das heißt, dass Fotografie Menschen zusammenbringt. Wir haben uns als Fremde getroffen und jetzt sind wir gute Bekannte mit demselben Hobby – Fotografie – geworden. Und wir haben eine gute Chance, Freunde zu werden.“ Dass dies keine Phrasen sind, bewies die Führung durch die Ausstellung.

Bunte Vielfalt Erfurts

Für die Fotos gingen jeweils zwei bis drei TeilnehmerInnen zusammen los, um Erfurt in Bildern einzufangen. Da sind zum Beispiel Ines Müller mit Amira und Alaa Omar aus Syrien. Die drei kannten sich bereits vor dem Workshop; sie haben sich im Januar in der Thüringenhalle kennengelernt und treffen sich etwa einmal pro Woche zur Freizeitgestaltung und um Deutsch zu lernen, denn, so Ines Müller: „Eine neue Sprache zu lernen funktioniert nur, wenn man jemanden hat, mit dem man sprechen kann.“ Die 33 Jahre alte Amira, deren Familie noch in Syrien lebt und ihre 12 Jahre alte Nichte Alaa stammen aus der Nähe von Damaskus und sind zusammen hier hergekommen. Ihre Fotos zeigen das Lieblingstier von Alaa - Schmetterlinge, die sie im Schmetterlingshaus auf der Ega fotografiert haben, jede mit einer eigenen Kamera. Am Ende hatten sie über 400 Bilder, aus denen neun ausgesucht wurden und nun in der Ausstellung zu sehen sind.

„Fotografie ist Malen.“, sagt Sylwia Mierzynska, aber auch „ein täglich benutztes Medium und ein Mittel zur Kommunikation. Ein Bild sagt – das wissen wir alle – mehr als tausend Worte. Fotografie ist Weltsprache. Durch Fotografie lernen wir sehen.“

So war es wohl bei Irina Tschistowskaja, die mit der aus Kolumbien stammenden Lina Zambrano, die in Jena studiert, losgezogen ist, um ihr Erfurt zu fotografieren. Sie hatten am Anfang keine Idee, was sie aufnehmen könnten, bis sie in die Meister-Eckardt-Straße kamen. Dort sahen sie bunt bestrickte Straßenpoller. „Wir wollten dann die bunte Stadt Erfurt zeigen“, die bunte Stadt an einem grauen Tag. 1000 Fotos sind es geworden und ein paar davon zeigen der/dem BesucherIn der Ausstellung die bunte Vielfalt Erfurts.

Das sei das Schwierigste gewesen - die wenigen Fotos aus der Fülle auszuwählen, die am Ende ausgestellt wurden. Dazu bekam jede Gruppe eine Stunde für eine individuelle Korrektur, so Sylwia Mierzynska. „Manchmal waren das sehr heiße Gespräche, harte Auseinandersetzungen, aber wir haben es geschafft.“

Gemeinsam neue Türen öffnen

So war es auch bei Gabi Loos und Kenan Numair aus Syrien, die eine Menge Fotos von ihrem Streifzug mitbrachten. Die beiden kannten sich vorher nicht. Aber sie merkten schnell, welche Gemeinsamkeiten sie haben. Gabi Loos: „Wir lieben beide alte Häuser und schöne Details.“ Diese Details sind beispielsweise besondere Türklinken. „Gemeinsam in Erfurt heißt für uns auch, dass es darum geht, altes aufzubrechen, Türen, die geschlossen sind, gemeinsam aufzuschließen“, meint Gabi Loos weiter. So lud sie Kenan und seinen Bruder zum Frühstück ein. „Es gab syrisches und deutsches Frühstück. Es waren sehr schöne Stunden, die Wohnung war voll und wir haben uns wundervoll verstanden“, erzählt sie. Die Fotos der beiden haben oft etwas Symbolisches. Da sieht man zum Beispiel eine Brücke, wo man, so Kenan Numair, von der verbotenen Seite zu einer neuen Seite kommen kann, eine Brücke, die verbindet. Es gab „viele Bilder, bei denen wir denselben Gedanken hatten“, sagt er, zum Beispiel bei den Tauben, die als Symbol für Freiheit und Frieden stehen.

Auch der 65jährige Hans-Jürgen Weilepp und der 26jährige Mohammad Dalloua aus Syrien kannten sich vorher nicht. Hans-Jürgen Weilepp: „Mohammad und ich haben uns bei diesem Workshop kennengelernt. Als wie einander zugelost wurden, dachte ich, Mensch, Alter, das könnte dein dritter Sohn sein. Ich wusste zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass sein Vater im Krieg gefallen ist.“ Und weiter: „Wir wollen auf unseren Bildern das Helle und Dunkle, das Alte und Junge  zeigen.“ Aus der Zusammenarbeit entstand eine echte Freundschaft. „Unser zukünftiges Ziel ist es, im Frühjahr zusammen das Unstrut-Tal, wo ich herstamme, zu erkunden“, erzählt Hans-Jürgen Weilepp.

Sylwia Mierzynska umschrieb die Macht der Fotografie folgendermaßen: „Fotografie bildet nicht nur ab, stellt nicht nur dar, dokumentiert nicht nur, informiert, erinnert, erzählt, porträtiert, katalogisiert. Sie archiviert und sie forscht. Sie kann gute und schlechte Emotionen vermitteln. Und sie unterrichtet uns, sie erleuchtet uns, sie demonstriert und sie kann lügen und manipulieren. Fotografie bringt heim, sie hilft, neues kennenzulernen, sie öffnet, sie fügt Menschen zusammen, sie zaubert.“

Dieser Zauber ist deutlich zu spüren, wenn man sich auf die Fotos einlässt.

Dankbar für das Angebot waren alle TeilnehmerInnen. Denn dieser Workshop half wirklich, Menschen zusammenzufügen, sich auf Neues einzulassen, Türen zu öffnen. Durch das gemeinsame Tun könne man eben ganz anders miteinander umgehen, meinte Liska Titze. Vielleicht haben noch mehr Menschen die Chance, sich auf diese Weise zwanglos kennenzulernen, indem sie eine gemeinsame Aufgabe - ihre Stadt zu fotografieren - meistern. Immerhin gibt es schon Anfragen für einen neuen Fotoworkshop.

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    Von Carmen Fiedler

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