„Die moderne Hochleistungskuh würde auf der Weide verhungern.“

„Die moderne Hochleistungskuh würde auf der Weide verhungern.“

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So kann es nicht weitergehen in der Tierhaltung! Das Gutachten des wissenschaftlichen Beirates „Agrarpolitik“ beim Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft sprach eine eindeutige Sprache. Dementsprechend groß war im letzten Jahr auch der Aufschrei bei den landwirtschaftlichen Verbänden. Sie waren überrascht, dass die Wissenschaft so einhellig für eine Umorientierung in der Landwirtschaft plädierte.

Anderthalb Jahre später ist der Aufschrei nun fast verklungen. Prof. Dr. Achim Spiller, Mitglied des wissenschaftlichen Beirates, konnte die Ergebnisse des Berichtes ohne größere Streitigkeiten in Erfurt vorstellen. Man war sich weitestgehend einig, dass sich etwas ändern müsse.

Das Gutachten kritisiert zum einen die Haltungsbedingungen. Es gebe erhebliche Defizite im Tier- und Umweltschutz. Der Gesundheitszustand vieler Tiere sei schlecht – sie wiesen viele Krankheiten auf. Diese Mängel wirken umso gravierender, erklärt Spiller, da sich gerade das wissenschaftliche Verständnis für die Bedürfnisse der Tiere wie auch das allgemeine Mensch-Tier-Verhältnis ändere.

Die Wissenschaft stelle vermehrt fest, dass für Tiere nicht nur das Vermeiden von Schmerz wichtig sei, sondern auch, dass Tiere positive Emotionen haben. Man wisse heute viel mehr über die emotionalen, kognitiven und sozialen Fähigkeiten der Tiere. Das Schwein zum Beispiel sei ein ausgesprochen intelligentes Tier, das sich selbst auch im Spiegel erkennen könne. In einem Maststall sei das Schwein einfach gelangweilt. Dies führe beispielsweise zu dem Problem, dass das Schwein dann eben auch die Ringelschwänze der anderen Schweine abbeiße.

Auch unter dem Einfluss dieser Erkenntnisse habe sich das Mensch-Tier-Verhältnis gewandelt. Die Menschen erleben Tiere im Wesentlichen als „Haustiere“ und haben daher ein ausgeprägtes Verständnis für die emotionalen Fähigkeiten der Tiere. Die Vorstellung des Menschen als Krone der Schöpfung, der sich die Tiere untertan machen kann, verliere deutlich an Relevanz. Heutzutage gebe es eher einen impliziten Vertrag zwischen Mensch und Tier, wie es ein Kollege von Spiller formuliere: Der Mensch dürfe das Tier essen, wenn es vorher ein gutes Leben gehabt hat. Studien zeigen, dass 85 Prozent der Bevölkerung dieser Aussage zustimmen.

Dies seien langfristige Trends, betont Spiller, die nicht wieder verschwinden werden. Die Landwirtschaft müsse sich darauf einstellen. Daher habe der wissenschaftliche Beirat im Gutachten neun Leitlinien entwickelt, wie eine tierwohlorientierte Landwirtschaft aussehen könne: Die Tiere sollen Zugang zu vielen „Klimazonen“, vorzugsweise zu Außenklima haben und ausreichend Raum haben. Die Tiere brauchen Beschäftigung, damit sie ihren unterschiedlichen Bedürfnissen, wie zum Beispiel dem Wühltrieb, nachgehen können. Es solle weniger Amputationen geben und weniger Antibiotika gegeben werden. Wichtig sei auch, dass das Tierpflegepersonal in Bezug auf die Aspekte des Tierwohls weiterqualifiziert werde.

All diese Maßnahmen habe der Beirat auch durchgerechnet und damit, wie Spiller betont, ein „Preisschild“ an den Tierschutz gemacht. Drei bis fünf Milliarden Euro pro Jahr würde die Umsetzung der neun Leitlinien kosten. Wenn man die Kosten nur auf die Verbrauchen umlegen würde, würden sich die Preise um 3-6% erhöhen – was in etwa 50 Euro mehr im Jahr für einen durchschnittlichen Haushalt bedeuten würde.

Allerdings stehe die Tierhaltung auch im internationalen Wettbewerb. Die Intensivtierhaltung sei sehr mobil und könne bei zu hohen Kosten schnell auswandern. In diesem Kontext seien die genannten Kosten für die Landwirtschaft zu hoch. Da niemand wolle, dass die Landwirtschaft abwandere, habe der wissenschaftliche Beirat drei weitere Finanzierungsmöglichkeiten für den tierwohlgerechten Umbau der Landwirtschaft beschrieben.

Zum einen könne das Geld aus den EU-Agrarsubventionen umgewidmet werden. Bisher werde es gezahlt, unabhängig davon, wie produziert werde. Dies könne man ändern und die Zuweisung an eine tierwohlgerechte Produktion knüpfen. Auf diese Weise könne man etwa 500 Millionen Euro in Deutschland direkt für die tierwohlorientiere Landwirtschaft gewinnen.

Als zweites könne die Initiative Tierwohl ausgeweitet werden. In dieser Initiative erheben alle großen Einzelhandelsketten den Zusatzbetrag von 4 Cent pro Kilo Fleisch und geben es an tierwohlorientierte Landwirte weiter. 2015 kamen auf diese Weise 85 Millionen Euro zusammen. Durch eine leichte Erhöhung könne dieser Betrag auf 100 Millionen Euro pro Jahr ansteigen.

Die dritte Finanzierungsmöglichkeit ist verbunden mit der Einführung eines bundesweiten Tierschutzlabels. Durch ein solches Label könne die Qualitität des Fleisches gekennzeichnet und damit in den Augen der Kunden auch ein höherer Preis gerechtfertigt werden. Bisher gab es in Deutschland ein Label des Tierschutzbundes, das allerdings kaum bekannt sei. Nun prüfe das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft die Einführung eines bundesweiten Labels. In den Niederlanden gebe es bereits ein solches, gut angenommenes Label (Beter Leven). Dänemark plane ebenfalls die Einführung eines Labels im Jahr 2017. In Deutschland solle – laut den Planungen des Ministeriums – zunächst nur die Tierschutz-Qualität von Schweinefleisch anhand eines dreistufigen Labels gekennzeichnet werden.

Eine vierte Möglichkeit benannte Spiller nur kurz. Sie stünde auch nicht im Gutachten, habe sich aber durch die Rechtsprechung des EU-Schiedsgerichts ergeben. Bisher dachte man, die EU könne keine Importverbote aufgrund von Herstellungsstandards erlassen. Im Falle der Importverbote von Robbenfleisch wurde allerdings vom EU-Schiedsgerichtshof bestätigt, dass solche Verbote auch aufgrund von „moralischen Bedenken“ in der Bevölkerung gerechtfertigt sein könnten. Dies könne für den Tierschutz in Zukunft eine wichtige Rolle spielen: So könne es beispielsweise ein Importverbot für Eier aus ukrainischen Käfighaltungen geben. Auf diese Weise könnten die deutschen Standards nicht mehr so einfach durch billige Importe unterlaufen werden.

Dies seien im Wesentlichen die Inhalte des Gutachtens. Nachdem es vor einem Jahr die Phase des Aufschreis gab, befinde man sich momentan eher in der Phase der Umsetzung. Allerdings gebe es erstaunlicherweise noch keinen Ansatz zur Entwicklung einer bundesweiten, nationalen Tierwohlstrategie. Aber immerhin gebe es in einzelnen Ländern neue Ansätze.

So auch in Thüringen. Die Regierungsparteien haben hier die Entwicklung einer Tierwohlstrategie als Aufgabe in den Koalitionsvertrag aufgenommen. Noch gibt es allerdings keine Ergebnisse. Die alte Regierung hatte bereits eine Arbeitsgruppe zur tiergerechten landwirtschaftlichen Nutztierhaltung eingesetzt. Momentan warte die neue Landesregierung daher zunächst die Ergebnisse dieser Arbeitsgruppe ab, erklärte Dr. Frank Augsten, Referent im Thüringer Ministerium für Infrastruktur und Landwirtschaft. Diese sollen im November 2016 präsentiert werden. Danach würden verschiedene Autorenteams zu den einzelnen Tierschutz-Fragen gebildet. Das Kabinett werde sich dann im Jahr 2018 mit den Ergebnissen der Autorenteams befassen. Beschlossen werden soll die Tierwohlstrategie noch in dieser Legislaturperiode. Inhaltliche Details konnte Augsten aufgrund des Planungsstandes allerdings noch nicht nennen.

Die Tierwohlstrategie müsse sich aber an den regionalen Gegegebenheiten orientieren. Bei Rindern sei beispielsweise das Anbinden in Thüringen kein Problem mehr. Den Rindern gehe es richtig gut im Vergleich zu anderen Tieren, stellte Augsten fest. Wenn man einen neuen Stall baue, führe dies bei Rindern meist zu einer Steigerung des Tierwohls. Das bestätigt auch Matthias Klippel von der Agrar eG Wöllmisse Schlöben. Sie hätten ihre Ställe immer weiter verbessert. Momentan haben sie für Mutterkühe einen sogenannten Offenfrontstall, bei dem sich die Kühe aussuchen können, wo sie stehen.

Ob die Kühe wirklich Glück gehabt haben, stellte Reiko Wöllert auf dem Podium deutlich in Frage. Er ist Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) Mitteldeutschland und betreibt einen eigenen Biobauernhof. Heutige Ställe seien in der Tat besser als frühere. Aber sind die Kühe wirklich glücklicher, als wenn sie artgerecht auf der Weide stünden, sich das Gras aussuchen und es wiederkäuen können.

Das gehe aber bei moderen Hochleistungskühen, die über 10000 Liter Milch pro Jahr geben, nicht mehr, entgegnete Augsten. Die Ursache dafür, dass die Kühe nicht draußen auf der Weide stehen, sei ja nicht, dass die Bauern sie so gerne einsperren. Moderne Kühe würden auf der Weide verhungern, wenn sie nur das dortige Gras fressen würden. Die können nur durch Kraftnahrung im Stall ernährt werden, um solche Leistungen zu erbringen.

Er verstehe es ja, wenn die Landwirtschaft effizient sein wolle, erklärte Wöllert daraufhin. Die Frage sei nur wofür? Jeder 4. Liter Milch werde exportiert und das zu Dumpingpreisen. Durch diesen Export von billigem europäischem Milchpulver werde beispielsweise in Burkina Faso die regionale Milchproduktion kaputt gemacht. Das stehe leider nicht in dem Gutachten, kritisierte Wöllert.

Was er auch in dem Gutachten vermisse, sei eine klare Aussage zum Zusammenhang zwischen der Betriebsgröße und dem Tierwohl. Es gebe in dem Gutachten eigentlich keine Aussage dazu, ob das Tierwohl von der Bestandsgröße abhängig sei, weil es dazu keine eindeutigen Studien gebe. Es herrsche scheinbar große Angst davor, dass jemand feststellt, dass es dort einen Zusammenhang geben könne: Je größer der Betrieb, desto gefährdeter das Tierwohl.

Dem widersprach Achim Spiller vom wissenschaftlichen Beirat. Auch in neueren Studien in der Schweinemast und in der Milchviehhaltung sei kein Zusammenhang zwischen Größe des Betriebs und dem Tierwohl gefunden worden. Es habe zwar Vorteile, wenn der Betrieb kleiner sei, aber es gebe auch Nachteile aufgrund einer geringeren Spezialisierung.

Auch der Agrarunternehmer Matthias Klippel stimmte dem zu: „Es ist nicht unbedingt eine Frage der Größe, wenn Tieren was passiert.“ Stall sei immer ein Kompromiss, zu dem, was Tiere in der Natur vorfänden. Er sei schon lange in der Milchwirtschaft und habe dort festgestellt, dass gute und schlechte Ställe gäbe – das sei kein Problem der Massentierhaltung.

Und auch Frank Augsten vom Thüringer Ministerium möchte diese Diskussion über Tierbestandsobergrenzen nicht führen. Er wolle stattdessen Kriterien für das Tierwohl einführen. Allerdings kriege man die Verbesserung beim Tierwohl nur hin, wenn sie auch rentabel sei und nicht zur Abwanderung der Landwirtschaft führe.

Eine Frage aus dem Publikum fügte der Diskussion allerdings noch eine weitere Perspektive hinzu: Der ökologische Landbau sei in all den Fragen nach dem Tierwohl bereits 20 Jahre voraus. Warum werde politisch noch über diese Fragen diskutiert, wenn das Rad doch eigentlich schon erfunden wurde? Es gebe ein Netzwerk „Demonstrationsbetriebe Ökologischer Landbau", das beweise, dass das Tierwohl bereits in der Praxis umsetzbar ist.

Und Wöllert betonte, dass man die moderne Landwirtschaft vielleicht auch anders denken müsse. Es brauche mehr regionale Märkte, die nicht mehr vom Import oder Export abhängig sind. Gerade auch mit dem nun eingeführten CETA werden in Kanada und in Europa Probleme auf die Landwirtschaft zukommen: Kanada hatte einen gut abgeschotteten Milchmarkt mit Quotierungen. Nun wird die EU Milch in diesen Markt „bomben“. Gleichzeitig erlaube man es Kanada, Schweinefleisch nach Europa zu exportieren.

Daran merke man, dass es einen Paradigmenwechsel geben müsse – weg von der Ideologie des Freihandels. Wenn die EU es schaffe, wie Spiller es ja auch beschrieben habe, sich vor Robbenimporten zu schützen, dann kann sie sich vielleicht auch im landwirtschaftlichen Bereich schützen. Aber es gehöre eben auch dazu, dass die EU nicht gleichzeitig andere Märkte mit den eigenen Lebensmitteln überflute und die Lebensgrundlagen der dortigen Bevölkerung zerstöre.

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