„Wir betrachten uns gern auch schon als die Weltmeister der Aufarbeitung"

„Wir betrachten uns gern auch schon als die Weltmeister der Aufarbeitung"

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In wenigen Jahren werden die letzten Zeitzeugen des zweiten Weltkrieges und des Holocausts gestorben sein. Gleichzeitig wird die deutsche Gesellschaft immer stärker durch Einwanderer geprägt, die kaum eine Verbindung zu dieser Zeit der deutschen Geschichte haben. Wie kann man in dieser Situation die Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus und den Holocaust wach halten?

Dr. Elke Gryglewski, stellvertretende Direktorin der Gedenkstätte „Haus der Wannsee-Konferenz“, erklärte zunächst einmal, dass die Erkenntnis ja recht neu sei, dass Deutschland ein Einwanderungsland sei. Trotz der Migrationsbewegungen nach dem zweiten Weltkrieg und der Anwerbung von Millionen Gastarbeitern in den 50er und 60er Jahren, habe sich Deutschland in dieser Zeit nicht als Einwanderungsland verstanden. Erst mit der Jahrtausendwende sei die Einsicht gekommen, dass Deutschland ein Einwanderungsland sei. Allerdings, und das ist für Gryglewski entscheidend, war diese Einsicht verknüpft mit der Feststellung, dass die Eingewanderten defizitär sind. Dies habe insbesondere der Migrationsforscher Paul Mecheril herausgearbeitet. Die Einwanderer hätten Nachholbedarf und seien nicht so aufgeklärt wie die Deutschen – sie müssen erst an die deutsche Gesellschaft angepasst werden. Dafür wurden spezielle Einbürgerungstests entworfen, die wohl auch mehr als die Hälfte der deutschen Bevölkerung nicht bestehen würde.

"Es gebe keine positive Bewertung der Einwanderung, in dem Sinne, dass die Einwanderung eine Bereicherung dieser Gesellschaft sein könne (...)."

Es gebe keine positive Bewertung der Einwanderung, in dem Sinne, dass die Einwanderung eine Bereicherung dieser Gesellschaft sein können, wie beispielsweise in den USA oder Kanada. Einwanderung wurde und wird in Deutschland vielmehr als Herausforderung verstanden, stellt Gryglewski fest. Während zugleich die Vielfalt der Einwanderung gar nicht wahrgenommen werde, sondern der Blick nur auf bestimmte Gruppen gerichtet sei: Als Einwanderer werden nur Türken, Araber und Muslime gesehen. Dass beispielsweise die Polen in Berlin, die zweitgrößte Gruppe an Einwanderern darstellen, werde komplett ausgeblendet.

Dies sei aber nur die eine Seite des Diskurses. Neben die Vorstellung der defizitären Einwanderer aus muslimisch-geprägten Ländern werde ein Selbstbild gestellt, dass die eigene Aufarbeitung extrem überhöhe. Politiker erzählen dies gerne auf Gedenkveranstaltungen als eine Entwicklung, die vom „Dunkel zum Licht“ führe. Wenn Gryglewski dies zynisch zuspitzen wollte, würde sie sagen: „Wir waren nicht nur Weltmeister im Genozid, sondern sind jetzt auch Weltmeister der Aufarbeitung.“ Ein Narrativ habe sich eingebürgert, das erzählt, wie grandios wir seien und wie toll sich alles entwickelt habe. Hier ergänze sich dieser Diskurs mit dem zuvor beschriebenen: Dazulernen müssen immer die Anderen, besonders die muslimischen Jugendlichen. Das habe sich auch durch die neu hinzugekommenen Flüchtlinge in den letzten zwei Jahren nicht geändert. Der Diskurs gehe weiterhin in die Richtung, dass es bei den Migranten Nachholbedarf gäbe.

Dabei sei es oft sogar legitim, erklärt Gryglewski, wenn sich Flüchtlinge nicht mit der deutschen Geschichte auseinandersetzen wollen. In Berlin lebten sie in den Flüchtlingsheimen oft unter katastrophalen Umständen. Da seien ihre Bedürfnisse viel grundlegender, als sich mit der deutschen Geschichte auseinandersetzen zu wollen. Aber die Angst, dass Geflüchtete aus den arabischen Ländern gar kein Interesse an dem Thema haben, kann Rebekka Schubert nicht bestätigen. Sie ist Gedenkstättenpädagogin in der Gedenkstätte „Topf & Söhne“ und hat im letzten Jahr über 30 Projekte mit Geflüchteten durchgeführt.

Dabei hat Schubert aber die Erfahrung gemacht, dass die Geflüchteten oftmals eine andere Perspektive auf den Nationalsozialismus und den Holocaust haben. Die Vernichtung der europäischen Juden werde oft mit der Palästina-Frage verknüpft. Bei einer Führung mit Flüchtlingen seien antisemitische Äußerungen aus zwei Jugendlichen „herausgeplatzt“, die ihre Familien durch die israelische Politik verloren hatten. Eine solche Führung sei dann eine Balance-Akt zwischen Einfühlungsvermögen und einem gleichzeitigen Setzen von Grenzen, die nicht überschritten werden sollten.

Auch Gryglewski hat erlebt, dass das Risiko bei Geflüchteten höher ist, dass antisemitische  Verschwörungstheorien geäußert werden. Beispielsweise habe in einer Gruppe von 13 syrischen Frauen eine Frau behauptet, dass der Holocaust von den Juden selbst inszeniert worden sei, um die Gründung des Staates Israel voranzutreiben. Solche Theorien seien schrecklich, aber auch wenig verwunderlich, wenn man aus einem Land komme, dass sich mit Israel im Kriegszustand befinde.

Eine Zwischenlösung sei es, erstmal jedes Leid anzuerkennen, denn persönliches Leid sei nicht hierarchisierbar. Man könne auch unaufgeregt über die Menschenrechtsverletzungen im Gaza-Streifen reden und dies sogar umso besser, je weniger man dies mit dem Holocaust vergleiche. Gleichzeitig müsse man neben der persönlichen aber auch noch die strukturelle Ebene berücksichtigen, um das damalige Leid verständlicher zu machen. Und man müsse auf die objektiven Unterschiede aufmerksam machen: Es gebe keine Gaskammern in Israel. 

"Ein Bewusstsein dafür entwickeln, dass die eigenen Handlungen auch Konsequenzen für weit entfernte Andere haben können."

Die Notwendigkeit der Selbstreflexion werde bei Führungen mit Geflüchteten größer, betont auch Gryglewski: Man müsse seine eigenen Grenzen definieren und sagen, was man ertragen könne und was nicht. Manchmal könne die Auseinandersetzung mit dem Thema bei Flüchtlingen aber auch zu neuen Ängsten führen, dass etwas Ähnliches wieder mit ausgegrenzten Gruppen passieren könne. Dann müsse man die objektiven Unterschiede zwischen heute und damals deutlich machen.

Um die Themen Jugendlichen mit Migrationshintergrund angemessen zu vermitteln, plädiert Gryglewski dafür, Anknüpfungspunkte in der Geschichte der jeweiligen Herkunftsfamilien zu entdecken. Dafür habe sie sich in der Gedenkstättte besonders mit den Geschichten von Ländern beschäftigt, die bisher im Narrativ nicht vorkommen, wie beispielsweise die Türkei oder Tunesien. Auf diese Weise kann das Bild aufgebrochen werden, dass es da keine Beziehung gab. Allerdings bestehe bei diesem Ansatz auch die Gefahr einer Kulturalisierungsfalle, dass man also deutsch-türkische Jugendliche mehr zu Türken macht, als sie es eigentlich sind.

Für Rebekka Schubert ist die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und dem Holocaust bedeutsam, um etwas über die Mechanismen und Strukturen zu lernen, die die Grundlage unseres Handelns sind. Drei Erkenntnisse für den aktuellen Umgang miteinander könne man in der Auseinandersetzung mit dem Holocaust gewinnen: Zum einen können ökonomisch verursachte Ängste zu Ressentiments gegenüber Minderheiten führen. Außerdem könne gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit jeden treffen. Umso wichtiger sei es, eine Grundsolidarität als kleinsten gemeinsamen Nenner unter den Menschen zu fördern. Wichtig sei zudem, die Arbeitsteilung der Nationalsozialisten zu erkennen. Daran könne man ein Bewusstsein dafür entwickeln, dass die eigenen Handlungen auch Konsequenzen für weit entfernte Andere haben können.

Durch die Beschäftigung mit dem Thema, könne man auch die Erkenntnis gewinnen, dass die Mehrheit sich irren könne, fügte Laura Wahl hinzu, Sprecherin der Grünen Jugend. Sie sehe die Gefahr, dass man bei negativen Entwicklungen zu lange still bleibe und ziehe daraus die Konsequenz, dass man sich mehr einmischen müsse.

"Für Nicht-Deutsche sei es oft überraschend, wie selbstreflexiv die Deutschen seien und wie sehr sie bereit seien, sich für sich selbst zu schämen."

Wahl war selbst ein Jahr in den USA. Dort sei ihr erstmals bewusst geworden, wie sehr sich Deutschland mit seiner jüngeren Geschichte beschäftigt habe. In den USA habe man sich nie mit dem Thema des Massenmords an der indigenen Bevölkerung auseinandergesetzt und es sei nie im kollektiven Bewusstsein angekommen. In Deutschland habe man dies immerhin getan. Auch wenn sie damit die von Gryglewski kritisierte „Weltmeisterthese“ bestätige.

Auch aus dem Publikum wurde angemerkt, dass die deutsche Auseinandersetzung mit der Vergangenheit im interkulturellen Austausch immer wieder zu Verwunderung führe. Für Nicht-Deutsche sei es oft überraschend, wie selbstreflexiv die Deutschen seien und wie sehr sie bereit seien, sich für sich selbst zu schämen.

Diese hohe Selbstreflexivität relativiere sich jedoch ganz schnell, entgegnete Gryglewski, wenn man beispielsweise sehe, dass von den 12.000 Besuchern ihrer Gedenkstätte 80% nicht freiwillig kommen, sondern diese Führung durch die Vergangenheit im Rahmen von Schulausflügen oder geplanten touristischen Touren machen. Und auch die hier geführte Diskussion sei gar nicht repräsentativ.

Auch der Geschichtswissenschaftler Tamer Düzyol stellt die Selbstreflexion der Deutschen in Frage. Dies könne man nicht auf die gesamte Gesellschaft ausweiten. Nur in einer bestimmten Gruppe existiere dieses Bewusstsein. Die deutsche Gesellschaft in Gänze reflektiere nicht über dieses Thema und wenn, dann auch nur auf eine ganz bestimmte Art und Weise. Der Nationalsozialismus sei zwar aufgearbeitet, aber die Kolonialgeschichte noch lange nicht. So existiere beispielsweise mitten in Erfurt noch immer eine „Mohrengasse“ und eine „Mohrenapotheke“. Er fordert, dass die Selbstreflexion auch die Kolonialgeschichte mit einbeziehen müsse.

Und selbst im Rahmen der Aufarbeitung des Nationalsozialismus, ergänzt Gryglewski, werden einige Gruppen in den aktuellen Debatten kaum als Opfer wahrgenommen. So könne es zu dem skurrilen Moment kommen, dass in Berlin am Vormittag ein Denkmal zur Verfolgung der Sinti und Roma im Nationalsozialismus eröffnet wird, und am Nachmittag vom Bundestag ein Gesetz zur Abschiebung von Sinti und Roma beschlossen wird, das vorsieht, sie in Länder abzuschieben, in denen sie verfolgt werden.

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