Verschiedene Ansichten: Böll und Grass

Verschiedene Ansichten: Böll und Grass

von Carmen Fiedler

„Ich war ja dabei, als er es erfuhr. Doch ich weiß nicht mehr, was er wirklich gesagt hat“, schildert René Böll den Moment, in dem sein Vater Heinrich Böll darüber informiert wurde, dass er mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet wird. So geschehen im Jahr 1972. Damals war Heinrich Böll 54 Jahre alt und einer der bekanntesten deutschen Nachkriegsschriftsteller. Ebenso bekannt, wenn auch zehn Jahre jünger, war sein Schriftstellerkollege Günter Grass, der wie Heinrich Böll der Gruppe 47 angehörte. Beide kannten sich gut, nicht nur als Kollegen. Sie waren  politisch äußerst engagiert und setzten sich zeit ihres Lebens mit gesellschaftspolitischen Fragestellungen auseinander, wenn auch auf unterschiedliche Weise.

Beider Gemeinsamkeiten und Unterschiede beleuchtet jetzt die Ausstellung „Verschiedene Ansichten: Böll und Grass“ im Haus Dacherröden, die vom 31. Januar bis 15. März 2019 zu besichtigen war.

„Die Ausstellung weitet ein wenig den Blick auf die Zeit, in der die beiden gewirkt haben“, betonte Solveig Negelen von der Heinrich-Böll-Stiftung-Thüringen e.V. zur Eröffnung der Vernissage am 31. Januar. Tatsächlich gestaltet sich die Ausstellung, die Schlaglichter auf einzelne Lebensbereiche der beiden wirft, wie ein abwechslungsreicher Rundgang durch Leben und Werk der zwei Schriftstellergrößen. Das Nebeneinander der Lebenswege und Themen gestattet der/dem Betrachter*in einen direkten Vergleich, auch durch die Ausgewogenheit von Texten, Bildern und Fotos. Dabei sind seltene und einmalige Exponate wie Originalskizzen und Zeichnungen (unter anderem Leihgaben von René Böll) zu sehen. Das ist gelungen und passend, denn: „Wir sind zum zwanzigsten Mal mit einem Böll-Programm in Thüringen in der Öffentlichkeit“, meinte Solveig Negelen – ein Jubiläum sozusagen.

Zur Vernissage erörterten denn auch prominente Gäste die Lebenswege, Gemeinsamkeiten und Unterschiede Heinrich Bölls und Günter Grass‘: René Böll als Sohn Heinrich Bölls und dessen Nachlassverwalter sowie Stephan Lohr aus Göttingen, Literaturkritiker, Programmberater des Göttinger Literaturherbstes und früherer Leiter der Literaturabteilung des NDR.

Gleich zu Beginn ihrer Debatte kamen sie auf die entscheidenden Kriegsjahre zu sprechen. René Böll erzählte: „Mein Vater war zehn Jahre älter. Er hat den Krieg ganz mitgemacht, Grass nur die letzten Monate“. Das, so sind sich René Böll und Stephan Lohr einig, ist die signifikanteste Differenz zwischen den beiden: das so unterschiedliche Erleben der Kriegsjahre und die dadurch entstandene Prägung, bedingt durch die zehn Jahre Altersunterschied. Stephan Lohr: „Die zehn Jahre markieren einen sehr viel stärkeren Unterschied, als man vermuten würde, und zwar wegen der unterschiedlichen Kriegserfahrungen. Böll war von Anfang an dabei, zuletzt in Kriegsgefangenschaft. Grass zog kurz vorm Ende, im Herbst 1944, mit 17 Jahren in den Krieg.“ So sei Böll prinzipiell antifaschistisch gewesen. Das bestätigte sein Sohn René Böll: „Es war ihm zuwider. Gerade das Antisemitische war ihm fremd. Er war im passiven Widerstand, nicht im aktiven, aber schon bewusst“. Und Lohr ergänzte: „Böll  hat Urlaubsscheine gefälscht. Das war zwar kein aktiver Widerstand, aber hochgefährlich“. Heinrich Böll schreibt während des Krieges lange literarische Briefe. „Da ist literarisch schon was da“, so Stephan Lohr. Doch, meinte René Böll, „leider sind die Briefe im Kölner Archiv untergegangen. Wir haben keine Kopien davon“.

Heinrich Böll und Günter Grass lernten sich bei einem Treffen der Gruppe 47, in der Autor*innen und Übersetzer*innen zusammenkamen, um unveröffentlichte Texte zu lesen und zu diskutieren, kennen – der Beginn einer jahrzehntelangen Korrespondenz. Am Abend der Vernissage wurde diese Korrespondenz lebendig durch die abwechselnde Brief- und Textlesung von Martin Schink und Katrin Heintke, beide Schauspieler*innen in Erfurt.  

Zur Gruppe 47 erklärte Stephan Lohr: „Das war eine Marke, unter der sie summiert wurden mit vielen anderen. Zwei berühmte Schriftsteller in den sechziger Jahren: Da ist so ein bisschen Konkurrenz, aber auch der Unterschied der persönlichen Strukturen dieser beiden“. „Sie haben sich als Kollegen respektiert. Eine gewisse Konkurrenz war natürlich auch da“, stimmte René Böll zu.

Der „Unterschied der persönlichen Strukturen der beiden“ wird möglichweise an einem herausstechenden Ereignis sichtbar: Der Episode um Beate Klarsfeld. Die Journalistin stürmte 1968 das Podium des CDU-Parteitags und gab Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger wegen seiner langjährigen Mitgliedschaft in der NSDAP eine Ohrfeige. Daraufhin schickte Heinrich Böll Beate Klarsfeld fünfzig rote Rosen, was Günter Grass, so Stephan Lohr, “unmöglich fand“. „Günter Grass bewegte sich viel mehr in der Politik, während Böll anarchistischer und künstlerischer geblieben ist“. Dazu meinte René Böll: „Dieser Bundeskanzler war meinen Eltern besonders widerlich. Er hatte eine hohe Position im Propagandaministerium der NSDAP. Es war ja eine ganz leichte Ohrfeige, kein richtiger Schmerz. Leider, muss man sagen. Dass mein Vater ihr Rosen schickte, war für Beate Klarsfeld eine unheimlich wichtige Aktion, diese Geste, Solidarität zu erfahren“. So entgegnete Böll denn auch auf die Kritik von Günter Grass: „Ich frage mich mit der mir zustehenden Bescheidenheit, ob es Günter Grass zusteht, festzustellen, ob und wann ich Anlass habe, einer Dame Blumen zu schicken.“

Doch Heinrich Böll und Günter Grass arbeiteten auch zusammen: zum Beispiel beim Boykott gegen den Springer-Verlag. Hier waren Grass und Böll prominente Gegner der Verlagsgruppe. Außerdem unterstützten sie 1969 die Gründung des „Verbandes deutscher Schriftsteller e.V.“, der ersten auf Bundesebene organisierten Interessenvertretung deutscher Autor*innen, Übersetzer*innen und Kritiker*innen. „Da ziehen Böll und Grass an einem Strang“, unterstrich Stephan Lohr. Auch gründeten sie gemeinsam mit Carola Stern die Zeitschrift L ’76, in der sich verschiedene Schriftsteller*innen mit literarischen und zeitgeschichtlichen Themen befassten.

1985 stirbt Heinrich Böll. Sein literarisches Werk umfasst acht Romane, zahlreiche Erzählungen sowie seine Arbeit an Hörspielen, Verfilmungen und als Übersetzer. Günter Grass stirbt 2015, er ist Autor von zehn Romanen, sechs Novellen und Erzählungen, fünf Dramen und neun Lyrikbänden.

Als Günter Grass 1999 erfuhr, dass auch ihm der Nobelpreis für Literatur zuerkannt wurde, galt sein erster Gedanke, so Stephan Lohr, Heinrich Böll. Lohr: „Da wollte er nochmal eine Hommage gesetzt haben.“

Eine Hommage an zwei große Schriftsteller – Heinrich Böll und Günter Grass – so lässt sich die kurzweilige Ausstellung im Haus Dacherröden treffend charakterisieren.

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Das Begleitprogramm zur Ausstellung umfasste neben der Vernissage auch einen szenischen Rundgang und einen musikalischen Lyrik-Abend. Von letzterem berichtet Vanessa-Marie Starker von der Erfurter Herbstlese hier: https://www.herbstlese.de/de/artikel/neuigkeiten/wir-kommen-weit-her/000676/
 

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