30 Jahre "Friedliche Revolutionen"

30 Jahre "Friedliche Revolutionen"

Das Vermächtnis ostmitteleuropäischer Dissidenten damals und heute

30 Jahre nach den „Friedlichen Revolutionen“ in den ostmitteleuropäischen Staaten ist es an der Zeit, der damaligen zukunftsweisenden Ereignisse nicht nur zu gedenken, sondern gleichzeitig kritisch danach zu fragen, worin das geistige und politische Erbe der Dissident*innen bestand und ob es für gegenwärtige Probleme eine wegweisende Wirkung zu entfalten konnte, findet der Philosoph Wolfram Tschiche. Er sprach in Jena über die Ideale, die Anliegen und das Erbe ostmitteleuropäischer Dissidenten nach 1989.

Rückblickend wertet Tschiche den Triumph des gewaltlosen zivilen Ungehorsams über repressive Diktaturen als ein originäres Vermächtnis von 1989. Der Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989 war eine Zäsur, der Abschluss des „kurzen 20. Jahrhunderts“ (1914 – 1989), das von zwei Weltkriegen geprägt war, die in Europa ihren Ursprung hatten. Die Dissidenten in Ostmitteleuropa und der DDR verhandelten mit den gemäßigten Eliten des alten Regimes und bewirkten so den friedlichen Übergang zur Demokratie. Das internationale Echo darauf war groß, die ostmitteleuropäischen Emanzipationsbewegungen wurden allerorts bewundert.

Die Welt nach 1989 ist laut Tschiche das Ergebnis einer dreifachen Transformation: 1. Die Demokratie etablierte sich als einzige legitime Regierungsform. 2. Die soziale Marktwirtschaft öffnete sich internationalen Partnern und schuf damit Zugang zum Wohlstand. 3. Der Triumph des Westens im Kalten Krieg ebnete den Weg für ein geeintes, friedliches Europa und die Weiterentwicklung der Europäischen Union.

Tschiche stellt dar, wie sich dreißig Jahre später nun die Grenzen dieser drei miteinander verbundenen Vorgänge zeigen: 1. Nach dem demokratischen Elan von 1989 steckt die Demokratie heute in der Krise. Abhandlungen zu diesem Thema füllen die Bibliotheken2. Auf den uneingeschränkten Erfolg der globalisierten Marktwirtschaft folgten internationalen Finanz-und Wirtschaftskrisen. Menschen sehen die Globalisierungsprozesse in der Marktwirtschaft inzwischen nicht mehr nur als gewinnbringend, sondern stellen auch Konsum und Fairness in Herstellungsprozessen in Frage. 3. In den 90er Jahren herrschte die Hoffnung auf ein geeintes wie freies Europa, die Hoffnung auf eine neue internationale Ordnung, die mit internationalen Regelungen und Institutionen globale Probleme bewältigt. Im Gegensatz dazu erstarken heute von neuem rechtspopulistische Parteien und Gruppierungen in ganz Europa. Die Zivilgesellschaft sei daher gefordert, Strategien zu entwickeln, um dem Rechtsruck etwas entgegen zu setzen, so Tschiche.

Tschiche zeigte im Rahmen seines Vortrags auch Ausschnitte aus der Dokumentation „Dissidenten, die Macher der Freiheit“. Diese beleuchteten die Entstehung, das Wirken und die Unterdrückung ostmitteleuropäischer Oppositionsbewegungen, beispielsweise der „Charta 77“, außerdem persönliche Schicksale beteiligter Persönlichkeiten wie Petr Uhl, Anna Šabatová oder Václav Havel. Im Anschluss an Tschiches Ausführungen diskutierten er und das Publikum angeregt. Die Zuschauer*innen zeigten sich interessiert an Tschiches persönlicher Vergangenheit, seinen Idealen zu Zeiten der DDR und stellten spannende Fragen, die auch über das eigentliche Kernthema hinausgingen.

Wolfram Tschiche ist freischaffender Philosoph, Theologe und Publizist. Er engagierte sich während der DDR als Bürgerrechtler und nahm Kontakt zu oppositionellen Gruppierungen wie der „Charta 77“ auf, mit denen er sich vernetzte. Er organisierte außerdem illegale philosophische Arbeitskreise und war 1989 Mitbegründer des Neuen Forums.

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