Vergessen ist heilsam

Vergessen ist heilsam

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Vier Thesen zu einer Kultur des Erinnerns / Von Christian Meier
Man beobachtet in der Weltgeschichte, dass normalerweise nach Krieg, Bürgerkrieg, Revolution oder Sturz von Diktaturen für das Gros der Beteiligten, manchmal auch für alle, Vergessen beschlossen oder angeordnet wird. Das kann bedeuten, dass eine Strafverfolgung durch den einstmaligen Gegner unterbleibt oder sogar ein Verbot erlassen wird, überhaupt der Untaten Erwähnung tun: Es soll endlich und ungestört Frieden sein! Die Opfer und ihre Hinterbliebenen müssen dann ein zweites Opfer bringen, auf Rache, also Strafverfolgung verzichten. Vor der Frage: Gerechtigkeit oder Frieden, erhält der Frieden – schwierig wie er ist – den Vorzug. 
Das galt bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts durchweg, danach weithin, selbst nach 1945, selbst noch nach 1989. In mustergültiger Form in Südafrika nach dem Ende der Apartheid und in Lateinamerika, etwa nach dem Ende der Diktaturen in Chile oder Argentinien. Und doch hat sich seit dem Ende des Ersten Weltkrieges etwas verändert, besonders aber nach dem Zweiten Weltkrieg; zunächst nur in Hinsicht auf die Kriegsverbrechen, dann zunehmend und vornehmlich wegen des Genozids an den Juden.
Diese Problematik steht heute in Deutschland ganz im Vordergrund. Sie ist neu. Es geht nicht länger um das Vergessen zwischen zwei Kriegs- oder Bürgerkriegsparteien oder zwischen den früher Herrschenden, die sich viel unrecht haben zuschulden kommen lassen, und denen, die sie dann stürzten. Vielmehr geht es jetzt um den einseitigen Mord der einen an, mit ihnen gar nicht verfeindeten, anderen; eine großangelegte Mordaktion, für die ein ganzes Volk – wenn auch zu sehr unterschiedlichen Teilen – verantwortlich zu machen ist.

Über die Lebenszeit hinaus
Angesichts der Dimensionen dieses Verbrechens verknüpft sich damit die Erkenntnis und Forderung, dass nicht vergessen werden darf, und zwar auf Dauer, also weit über die Lebenszeit derer, die daran beteiligt waren, hinaus.
Nicht zuletzt deswegen ist heute der Anspruch, Verbrechen in Krieg und Bürgerkrieg oder unter Diktaturen und vergleichbaren Regimen zu bestrafen, relativ verbreitet, obgleich er auch weiterhin unterlaufen wird. Umgekehrt stellt sich in Hinblick auf die Versäumnisse bei der Auseinandersetzung mit dem Holocaust die Frage, ob daraus gleich der Schluss hätte gezogen werden müssen, mit dem DDR-Unrecht jetzt ganz konsequent zu verfahren.

Vor diesem Hintergrund möchte ich die erste These Formulieren:
1. Erinnerung ist nicht unbedingt heilsam und hilfreich, wenn auch gelegentlich unabweisbar. Vergessen ist nicht unbedingt verwerflich. Für Deutschland nach 1945 würde ich in Bezug auf all das, was heute diskutiert zu werden pflegt, drei Thesen hinzufügen.
2. These: es ist zwar aus verschiedenen Gründen bedauerlich, war aber sehr heilsam, ja wahrscheinlich unvermeidlich, dass nach den ersten Nachkriegsprozessen vor den Alliierten Gerichten eine Schonfrist eintrat. Die deutschen Verbrechen waren in ihrem Ausmaß und ihrer Eigenart weltgeschichtlich so beispiellos, dass die Gesellschaft sich ihnen erst mit zeitlichem Abstand stellen konnte. Diese zweite Phase der Auseinandersetzung begann mit dem Ulmer  Einsatzgruppen-Prozess von 1958. Der Anteil der 68er daran wird im Allgemeinen überschätzt.
3. These: Es wird zumeist weit unterschätzt und ist von heute her kaum mehr vorstellbar, welche Widerstände und vor allem welche Schwierigkeiten lange Zeit einer "Aufarbeitung" der Vergangenheit entgegenstanden. So bestand von Anfang an ein verbreitetes, etwa an Buchauflagen offen ablesbares Interesse am SS-Staat. Aber wie weit man nicht nur über den Inhalt dieser Bücher, etwas das "Tagebuch der Anne Frank", sondern auch über die Konsequenzen, die sich daraus ergaben, nachdenken, sprechen und diskutieren konnte, ist damit nicht gesagt: Was ergab sich daraus für einen selbst, die eigenen Verwandten und Bekannten, die ganze Nation?

Erinnerung ist kein Schutz
Doch selbst wenn man sich über das Geschehene, den Mord an den europäischen Juden, völlig einig war, konnte man sich – wie etwa beim Historikerstreit – immer noch fast bis aufs Messer bekämpfen, wenn es darum ging, ob dieser Mord nun "einzigartig" gewesen ist. Da hieß es, man würde das eigene Nest beschmutzen und  den Deutschen fehlte es am aufrechten Gang. Erst in den 90er Jahren schlug das Pendel auf die Gegenseite und es stellte sich überraschenderweise heraus, dass das deutsche Gedenkwesen, das sich mittlerweile herausgebildete hatte, das Ansehen des Landes eher gemehrt hatte!
4. These: Es ist eine durchaus offene Frage, welche weiteren Effekte sich aus der deutschen NS-Vergangenheit und aus deren Nachwirkungen ergaben und ergeben. 
Verschiedene gängige Annahmen halte ich für falsch: Dass die Erinnerung an schlimme Vergangenheit vor Wiederholung schützt, ist keineswegs gesagt; dass sie für die Entstehung und das Gedeihen von Demokratie nützlich sei, ist sehr unwahrscheinlich. Spanien nach 1973, Polen nach 1989 und wohl auch Südafrika nach 1933 sprechen für das Gegenteil. Die einigermaßen gesicherte Demokratie  war vielmehr die Voraussetzung dafür, dass die Erinnerung an Auschwitz in der Öffentlichkeit arbeiten konnte.
Dass die Erinnerung uns Erlösung bringe, wie uns am 8. Mai 1985 aus höchstem Mund versichert worden ist, ist schlichtweg Unsinn. Wer kann denn – auch 70 Jahre nach Kriegsende – sagen, er sei mit der Erinnerung an Auschwitz fertig? Man tut besser daran, das Gedenkwesen von manchen daran geknüpften Erwartungen zu entlasten. Dazu gehörte übrigens auch, den gängigen Ausdruck der Erinnerungskultur als einen viel zu hoch greifenden, hochtrabenden Ausdruck zu vermeiden.
Wichtiger scheint mir auszuloten, was sich aus der NS-Vergangenheit, aus diesem ungeheuerlichen Zivilisationszusammenbruch namens Auschwitz ergeben hat: Trotz manchen Auftrumpfens ist zunächst eine große Unsicherheit eingetreten, zudem eine nachhaltige Ablehnung von Krieg und ein gebrochenes Verhältnis zum Militär, ein überwiegend kritisches Verhältnis zur eigenen Geschichte und zur eigenen Nation, wozu übrigens auch die hilflosen Diskussionen über unsere nationale Identität gehören.

Überforderung durch Euro-Krise
Das kann man verschieden beurteilen. Nach meiner Ansicht war das unvermeidbar und – trotz aller Einschränkungen, die sich daraus im Prozess der Neuintegration nach 1989 ergeben – in vielerlei Hinsicht von Vorteil. Wir haben ein rational-distanziertes Verhältnis zu unserer Vergangenheit gewonnen. Auf den ungeheuerlichen Bruch hin, vielleicht auch angesichts der mit der Zeit immer deutlicher sich abzeichnenden Ausmaße dieses Bruchs, hat sich in der BRD eine nicht zu verachtende moderne demokratische Kultur aufgebaut – bei allen Mängeln, die sie auch ausweist.
Wenn sie in Zeiten der Eurokrise überfordert zu sein scheint, so ergibt sich das teilweise aus einer späten Kriegsfolge: Gemeint ist die Notwendigkeit, nach der Spaltung des Landes den französischen Präsidenten François Mitterrand für die Wieder-Vereinigung zu gewinnen, also die Einführung des Euro, die ich – zumal in Hinblick auf das Zusammenwachsen Europas – für die größte, vielleicht die einzig wirklich große Fehlentscheidung nach dem Zweiten Weltkrieg halte. 

Damit stellen sich nicht nur riesige wirtschaftliche, sondern auch politische Probleme. Denn es werden von der politischen Klasse eine Menge Folgerungen für die künftige Gestalt Europas gezogen und möglichst auch festgeklopft. Darin scheint mir die bedeutendste politische Problematik unserer Tage zu bestehen. Und was tun wir? Wir verhalten uns wie die Lämmer.
Der Obrigkeitsstaat scheint fröhlich Urständ zu feiern. Wir reden kaum darüber, was aus uns werden soll, machen die Sache nicht zum Gegenstand politischer Parteiungen?  Dass man mit guten Gründen und aus bester europäischer Gesinnung heraus auch ganz andere Vorstellungen über die europäische Zukunft und den Weg dorthin haben kann, wird nicht einmal ignoriert.
Ist die Demokratie also doch nicht so gut gegründet, wie es scheint? Macht uns gar das Gedenkwesen als die geheime Räson der Berliner Republik wehrlos? Oder sind wir zu sehr mit anderem beschäftigt?

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