Lang lebe die deutsche Eiche

Wald

Er pflanze gerade Bäume, werde aber rechtzeitig da sein, verspricht Stadtförster Ronald Felgner am Telefon. Nach ihm rufe ich den Leiter des Geraer Umweltamts an, und Konrad Nickschick erzählt mir von Bürgerbeschwerden gegen das Fällen von Bäumen im Rahmen des Hochwasserschutzes. In Gera wird um jeden Quadratmeter Grün gerungen. Darüber, sage ich, können wir doch heute Abend reden.

   Ich bin wieder auf Wald-Wanderung, nun mit dem gedruckten Buch in der Hand, und lese auch in Revieren, durch die ich 2020/21 nicht gelaufen bin. Normalerweise suche ich mir meine Gesprächspartner selber. Hier hat es die Geraer Stadtbibliothek für mich getan. Da es eine Veranstaltung der Heinrich-Böll-Stiftung ist, sitzen im Publikum besonders viele Umweltschützer.

   Ob in Erfurt, Eisenberg, Heiligenstadt, Bad Tabarz, Rudolstadt oder Bad Liebenstein, immer wieder erlebe ich: Der Thüringer liebt seinen Wald und sorgt sich um ihn. Zumal wenn Felgner von Winterstürmen, Trockenstress und Schädlingsbefall spricht und verrät, wie man sich für die Erderwärmung wappnen kann. Ich frage den Förster, was für Bäume er am Nachmittag gepflanzt hat. Traubeneiche. Die komme hier mit dem Klimawandel gut zurecht, im Gegensatz zur Fichte und Buche. Aber es dauert, bis auf den Kahlschlägen wieder Wald wächst. „Wir Förster denken in anderen Zeiträumen. So ein Bäumchen braucht 80 Jahre, bis aus ihm ein stattlicher Baum wird.“

   Vom Fenster aus sieht man, wie der Wald die Stadt überragt. „Wir sind froh, dass wir ihn haben“, wirft Nickschick ein. Eine aktuelle Studie belege, wie unverzichtbar er für die Geraer ist. Der Wald bindet Kohlendioxid, speichert Wasser, spendet Sauerstoff, Schatten und Erholung und schützt die biologische Artenvielfalt. Wo Bäume wachsen, leben die Menschen gesünder und wohl auch länger. Doch müssten sie sich entscheiden, ob sie das Auto oder lieber einen Baum vorm Haus stehen haben wollen, erklärt der Stadtbegrüner. In Gera würden bevorzugt hitzeresistente exotische Arten gepflanzt. Die Baumpflege ist zwar im urbanen Raum viel aufwändiger als im Wald, doch jeder kann mithelfen. Zum Beispiel mit einer Baumpatenschaft, wie ein Zuhörer vorschlägt.

   Nach fast zwei Stunden stelle ich meine Standardfrage: Wie sieht der Wald in 30 Jahren aus? „Oh“, sagt Förster Felgner. „Er wird nicht mehr so hoch sein wie jetzt.“ Vor allem alte Bäume sterben ab und die jungen brauchen lange, um an Höhe und Umfang zuzulegen. Da aber in Gera schon seit Urgroßvaters Zeiten Mischwald mit hohem Laubbaum-Anteil wachse - Ahorn, Buche, Kirsche und Eiche - blickt man hoffnungsvoll in die Zukunft. Eiche? Ich berichte von meinem Besuch im Trockenwald bei Heldrungen, wo Thüringen-Forst eine Versuchsfläche mit exotischen und einheimischen Nadel- und Laubbaumarten unterhält. Inzwischen weiß man, welche am besten mit den sich rapide ändernden Bedingungen zurechtkommt. Nicht die Türkische Tanne. Auch nicht die Libanon-Zeder. Die deutsche Traubeneiche!

Nickschick und Felgner lächeln, die Zuhörer lehnen sich erleichtert zurück. Selbst wenn es schlimm kommt, in Gera wird man auch 2050 noch durch Eichenwälder spazieren.

Frank Quilitzsch